Quasimodogeniti (12. April 2026)
Jesaja 40,26–31
Intention
Das Hoffnungswort aus Jesaja 40 scheint vielen heutigen Erfahrungen zu widersprechen. Die Predigt beschreibt diesen Widerspruch und erzählt von Erfahrungen, die den Text plausibilisieren.
Predigt
Heute denken wir über Worte des Propheten Jesaja nach. Ich lese Jesaja 40,26–31:
„Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: ‘Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber‘? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“
Für so ein vollmundiges Prophetenwort, finde ich, braucht es Erfahrungen, damit man ihm glauben kann. Erfahrungen, wie sie auch der Prophet damals hatte. Ich will Ihnen deshalb heute von Menschen mit Erfahrungen erzählen.
Der gefallene Eiskunstläufer der Olympiade
Erinnern Sie sich an Ilia Mailinin? Der Eiskunstläufer aus den USA sollte der Star der Winterolympiade in Italien werden. Niemand bezweifelte, dass er die Goldmedaille gewinnen würde: Er konnte Vierfach-Sprünge wie kein anderer. Und dann: stürzte er zweimal bei seiner Kür, die Hälfte der Sprünge zeigte er nur einfach. Am Ende wirkte er erschöpft. Stehend k.o., sagte der Kommentator im Fernsehen. Müde und matt. Die vielen Wettkämpfe in einer Woche waren zu viel gewesen. Mailinin wurde nicht erster, sondern Achter. Er weinte noch auf dem Eis, war fix und fertig. Verzweifelt. Drei Tage später kam noch das sogenannte Schaulaufen. Viele meinten, da wird er gar nicht erst antreten. Da war er wieder da. Zeigte eine herausragende Vorstellung. Flog über das Eis. Dafür hätte er bestimmt die Goldmedaille bekommen.
Was hat ihm geholfen, sich wieder aufzurappeln? Kann man sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen? Münchhausen, der das von sich erzählt hat, war bekanntlich ein Lügenbaron. In Wahrheit kann man sich nicht selbst aus dem Sumpf von Müdigkeit und Erschöpfung und Verzweiflung ziehen. Aber wie kommt man wieder auf die Beine, sodass man weitermachen kann?
Gott kann mehr als Menschen
Der Prophet, den wir Jesaja nennen und der vor ungefähr 2700 Jahren gelebt hat, weiß einen Rat. Zu seiner Zeit musste sein Volk die Verschleppung ins Exil nach Babylon ertragen. Die Heimat war zerstört, sogar der Tempel lag in Trümmern. Es schien keine Hoffnung mehr zu geben. Aber der Prophet sagt seinen Leuten: „Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt das Heer (der Sterne) vollständig heraus und ruft alle mit Namen. Seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt“.
„Weißt du, wie viel Sternlein stehen
An dem blauen Himmelszelt? (...)
Gott, der Herr, hat sie gezählet
Dass ihm auch nicht eines fehlet
An der ganzen großen Zahl.“
So singen viele am Abend für ihre Kinder, damit sie sich in der Dunkelheit der Nacht nicht fürchten. Gott, der die ganze Welt, Menschen, Tiere und Pflanzen geschaffen hat, der sogar die Sterne an den Himmel gesetzt hat – der ist größer als jede Bedrohung. Er wird mich beschützen. Das sollen die Kinder mit in die Nacht nehmen. Wieviel mehr muss das die Israeliten beeindruckt haben, als der Prophet sie daran erinnert hat. Sie hatten in ihrer Gefangenschaft erlebt, dass Sonne, Mond und Sterne als Gottheiten verehrt wurden. Aber ihr Gott war mächtiger und stärker als sie alle. Er hat die Gestirne ja geschaffen!
Sieht mich Gott?
Ich gebe zu: Wenn ich in einer ruhigen, klaren Nacht zu den Sternen aufschaue, dann berührt mich diese Vorstellung und überzeugt mich. Aber es gibt ja auch die anderen Nächte. Stockfinster, stürmisch, regenverhangen. Wenn ich mich umschaue: Gewiss sehe ich die Sterne, die Natur jetzt im Frühling, die fröhlichen Menschen. Aber ich sehe doch auch die Trümmerlandschaften der Kriegsgebiete, den Unrat, der auf dem Meer schwimmt, die Traurigen und Verzweifelten überall auf der Welt. So viel Unglück! Und selber habe ich doch auch schon erlebt, wie manche Mühe vergeblich war, wie es einfach nicht besser werden wollte mit der Krankheit, mit meiner Beziehung. Wie soll ich da diesem Kinderlied glauben: „Kennt auch dich und hat dich lieb“? Jesaja, auf dessen Worte wir heute hören, war kein blauäugiger Romantiker. Er sieht ja, wie es seinen Landsleuten geht. Vielleicht ging es ihm selber auch so. Wir hören: „Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: Mein Weg ist dem Herrn verborgen und mein Recht geht an meinem Gott vorüber?“ Ich sehe und erlebe doch, wie es zugeht in der Welt. Einfach ungerecht. Und Gott lässt das alles zu. Ich kann nicht mehr. Es hat auch keinen Sinn, etwas dagegen zu tun. Es ist doch immer dasselbe. Man kann sich selbst nicht aus dem Sumpf ziehen. Dazu zucken die Menschen ratlos und ohnmächtig mit den Schulten.
Dieses ratlose und ohnmächtige Schulterzucken, habe ich jetzt in einem Buch gelesen, ist die Reaktion sehr vieler Menschen auf die Situation in unserer Gegenwart. „Ich tue ja, was in meiner Macht steht. Aber bei den gegenwärtigen Herausforderungen kann ich eigentlich kaum etwas ausrichten.“ Ich gebe zu: Mir geht es an meinem Platz manchmal genauso. Zu viele glauben nicht mehr, dass sie etwas tun können. Deshalb fordert jeder immer nur Maßnahmen von den jeweils anderen. Der Glaube, dass man selbst etwas tun kann, ist nicht alles. Aber ohne ihn ist alles nichts. Wer nicht glaubt, dass er selbst etwas tun kann, der wird es nicht versuchen und also nichts erreichen. Aber wo soll solcher Glaube herkommen, wenn man eigentlich nur noch schwarzsieht? Man kann sich doch nicht selbst aus dem Sumpf ziehen?
Gott wird nicht müde
Jesaja, der Prophet, sieht aber doch einen Weg: „Weiß du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.“ Gegen alle andere Erfahrung bleibt Jesaja bei seinem „Weißt du nicht?“ Gott kann beistehen. Er sieht mehr als du! Für dich ist die Zukunft vielleicht nur die Fortsetzung der Gegenwart. Und alles wird nur schlimmer. Aber Gott sieht über deinen Horizont hinaus. Er sieht, was kommt. Er sieht, dass etwas Neues kommen kann. „Siehe, ich mache alles neu“ ist sein Versprechen. Und auf dem Weg in diese neue Zukunft steht er den Menschen bei, die seinen Beistand brauchen und suchen. Gott macht Mut. Er gibt Kraft. Er kann diejenigen aus dem Sumpf ziehen, die meinen, dass sie untergehen. Solche Hoffnung und solche Kraft von Gott, die fällt allerdings nicht vom Himmel.
Gute Erfahrungen helfen, auf Gott zu vertrauen
Man muss Erfahrungen machen, die einem helfen, auf Gott zu vertrauen und auf ihn zu hoffen. Für Jesaja damals war es der neue König in Babylon. Der ließ die Gefangenen frei, der erlaubte es, den Tempel wieder aufzubauen. Und auf einmal waren sie wieder da, die Kraft und der Mut der Verzweifelten. Zweitausend Jahre später erlebte das August Hermann Franke, ein Pfarrer in Halle an der Saale. Einmal in der Woche lud er Waisenkinder und Bedürftige in sein Haus zum Essen ein. Man müsste mehr für sie tun, damit sie später für sich selber sorgen können. Das wusste er. Aber was kann ich schon tun – die Probleme sind zu groß. Wahrscheinlich zuckte er ohnmächtig mit den Schultern. Da schenkte ihm um 1695 eines Tages eine Frau ein paar Taler. Dafür kaufte er Schulbücher und stellte einen Lehrer ein. Neun Kindern konnte er so für ein paar Stunden am Tag Unterricht anbieten. Das Geld reichte nicht lange. Es gab Rückschläge. Aber Francke ließ sich nicht beirren und es fanden sich weitere Spender. Ein paar Jahre später saßen im neu erbauten Waisenhaus 200 Kinder. Und nach 30 Jahren war ein großes Hilfswerk entstanden, die Franckeschen Stiftungen. Sie existieren bis heute.
Ähnliche Geschichten können viele erzählen. Gustav Werner im 19. Jahrhundert, der die Bruderhaus Diakonie in Reutlingen gegründet hat. Rosa Parks in den USA, die schwarze Putzfrau, mit der im 20. Jahrhundert der Kampf für die Gleichberechtigung der Schwarzen begann. Sie alle haben das nicht allein geschafft. Sie alle hatten Menschen um sich herum, die sie unterstützt haben. Aber der Anfang war immer ihr beharrliches Gottvertrauen. Sie erwarteten mehr von der Zukunft als dass immer alles beim Alten blieb. Und wenn ich zurückschaue: In meinem beschränkten Bereich habe ich doch auch schon ähnliche Erfahrungen gemacht. Es können einem Kräfte zuwachsen, die man nicht gekannt hat und mit denen vieles möglich wird.
Auffahren mit Flügeln wie Adler
Pessimisten sagen: Hoffen und Harren macht viele zu Narren. Aber Jesaja, der Prophet, war kein Pessimist. Er war Realist mit Gottvertrauen. Er weiß: Es kann schiefgehen. „Jünglinge werden müde und matt und Männer straucheln und fallen.“ Er weiß aber auch: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ Wer sich an die guten Erfahrungen erinnert, die andere oder die er oder sie selber gemacht haben, kann auf Gott vertrauen. „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, das sie auffahren mit Flügeln wie Adler“ hat August Hermann Francke über das Eingangstor zu seinem neu erbauten Waisenhaus schreiben lassen.
Und Ilja Malinin, der gefallene Star der olympischen Spiele? Der noch auf dem Eis geweint hat, der fix und fertig war? Verzweifelt? Drei Tage später kam noch das sogenannte Schaulaufen. Da war er wieder da. Zeigte eine herausragende Vorstellung. Dafür hätte er bestimmt die Goldmedaille bekommen. Wer ihm geholfen hat, wieder aufzufahren „wie ein Adler“? Ich weiß nicht, ob er auf Gott vertraut. Aber ich habe die Menschen gesehen, die ihn in den Arm genommen haben. Die ihm gut zugeredet, die ihn unterstützt haben. Und meine Erfahrung sagt mir: Wahrscheinlich ist das der Anfang vom Fliegen. Amen.
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