Reformationsfest (31. Oktober 2016)

Autorin / Autor: Pfarrer Rainer Köpf, Weinstadt-Beutelsbach [pfarrer@rkoepf.de]

Römer 3, 21-31

Wie mach ich’s recht?"Mach’s nur auch recht!" Meine Großmutter, eine früh verwitwete Geschäftsfrau, hat mir von Kindesbeinen an diesen Satz in Herz und Gewissen geschrieben. Für sie war es der Schlüssel ihres beruflichen Überlebens. Wenn der Ladenbesitzer dem Kunden es nämlich nicht recht macht, dann kommt er nicht mehr. "Mach’s nur auch recht!" Diesen Satz trage ich als ein kleines mächtiges Etwas in mir. Ich weiß nicht, ob dieses Etwas ein Teufelchen oder ein Engelchen ist, aber es ist in mir und es hat Macht über mich. Dieser Satz treibt mich an und hat mich schon oft in die Erschöpfung getrieben. Aber ich habe auch positive Erfahrungen mit diesem Satz gemacht: Wenn man sich anstrengt, es vielen recht zu machen, darf man durchaus Zuwendung von Menschen erfahren. Dann bin ich unter Umständen be-liebt. Diese Beliebtheit schenkt meinem Tun einen Freiraum, Beliebtheit kann Türen öffnen. Aber bin ich dann auch schon ge-liebt, mit allen Ecken und Kanten? Geliebt, so, wie ich eigentlich bin? Kann man sich Liebe durch „Werke“ – wie es in Luthers Sprache heißt – erwerben?

Der gescheiterte LutherWie mach ich’s recht – diese Frage hat sich Martin Luther vor gut 500 Jahren gestellt, als neben ihm ein Blitz eingeschlagen hatte. In Todesangst spürt er: So wie ich bin, bin ich nicht recht vor Gott und er geht ins Kloster. Er meint, er fände die Liebe Gottes, wenn er gegen sich selber kämpft. Raue Unterwäsche hatten ihm die Augustinermönche als erstes zum Anziehen gegeben. Ein Zeichen dafür: Fühl dich nicht zu wohl in deiner Haut. Der Körper ist nur ein ‚Durchgänglein‘. Und Luther kämpft gegen seinen vermeintlich „sündigen Leib“. Im Rückblick sagt er: „Ich zitterte und zappelte, wie Gott mir gnädig wurde, aber je saurer ich es mir werden ließ, mein Gewissen zufrieden zu stellen durch Fasten, Wachen und Beten, desto weniger Ruhe und Frieden fühlte ich.“
In perfektionistischer Selbstbeobachtung will er sein Herz reinigen, wie eine putznärrische Hausfrau die Wohnung kurz vor dem erwarteten Besuch. Immer wieder entdeckt er ein Staubkorn auf seiner Seele. Schon ein minimales Versagen empfindet er wie den minimalen Berührungspunkt einer Bleikugel mit der Erde. Auf diesem unscheinbaren Punkt erfährt er die ganze Last seiner sündigen Existenz und das Gefühl: Ich bin nicht recht vor Gott.

Der befreiende PaulusLuther hat im Kloster erlebt, was Paulus in unserem heutigen Predigttext ausspricht. Zunächst eine Bestandsanalyse: Zwei Kapitel lang schaut sich Paulus die Theologie der Frommen und der Heiden an und diagnostiziert eine grundlegende geistliche Unzulänglichkeit: Sie alle ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollen. Sie alle sind Sünder und sind aus eigener Kraft nicht recht vor Gott. Ich kann mir vorstellen, wie Luther diesen Textabschnitt später unter Tränen übersetzt hat. Er hat es erlebt: „Mein Tun erwirbt nicht die Liebe Gottes.“

Doch genau an dieser Textstelle geschieht auch die Wende. Wie Schuppen fällt es ihm von den Augen, als ihm die wahre Bedeutung des Begriffes „Gerechtigkeit“ aufgeht. Immer wieder klopft er an diesem biblischen Wort an. Als Sohn eines Bergmanns hat er das unermüdliche Graben gelernt. Er sucht den Schatz des Evangeliums, den Gott in der Bibel verborgen hat, so wie er „Gold und Silber in die Berge“ gelegt hat. Und er sieht plötzlich den Edelstein leuchten: Gerechtigkeit, das ist nicht etwas, das der Mensch schaffen kann, sondern Gerechtigkeit ist das, was Gott schafft und dem Menschen aus Gnade schenkt. Luther fühlt sich bis zu dieser Wende in einem „Drei-Buchstabenglauben“ gefangen. Er fühlt, dass er etwas TUN müsse. Doch nun geht ihm ein „Fünf-Buchstabenglauben“ auf: Es ist alles GETAN. Am Kreuz von Golgatha ist alles getan.

Von Justitia zu ChristusNun verändert sich sein Bild von Gott grundlegend. Seither hat er sich Gott vorgestellt wie die Göttin Justitia. Mit verbundenen Augen, ohne Ansehen der Person. Die Waage, die sie vor sich hängen hat, wiegt nur die Taten, die guten und bösen Taten. Sie sieht nicht auf den Menschen. Doch Gott ist ein anderer: Nicht eine blinde Justitia, die regungslos wiegt, sondern der fleischgewordene Gottessohn, der die Augen liebevoll auf uns richtet. Nicht der kalte Krämer, der uns zurückgibt, was wir selber bringen, sondern der liebevolle Vater, der uns vom Kreuz herab ansieht, vergibt und liebt.

Wer macht mich recht?Und so wie Gott ihn nun anschaut, so schaut auch der veränderte Mensch nun auf zu Gott. Er hebt sein Haupt und blickt nicht mehr auf sich, sondern weg von sich selber. Er fragt nicht mehr: wie mach ich’s recht, sondern: wer macht mich recht. Wer ist es, der für mich gestorben und auferstanden ist. Es geht nun nicht um eine Lehre, sondern um eine Beziehung, eine Beziehung zu Jesus Christus, dem lebendigen Gott. Beliebtsein kann man vielleicht machen, aber Liebe kann man nicht machen, mit allen Anstrengungen nicht. Es ist ein Geschenk, ein Wunder, und es ist immer ohne Bedingungen, allein aus Gnade, unfassbar.

Und da gibt es auch keine Zusatzbedingungen. Da kommt kein Kleingedrucktes mehr. Ohne Zutun des Gesetzes wird der Mensch gerecht, allein aus Gnade. Er liebt uns, nicht, weil wir uns bemühen, sondern weil er uns liebhaben möchte. Das scheint manchmal unbegreiflich zu sein. Da erinnert Gott uns an eine Mutter, die ein durch und durch bösartiges Kind hat. Kein Mensch begreift, warum diese Mutter noch hinter ihrem Kind steht. Aber sie hört nicht auf, ihm zu vergeben und es zu lieben. Menschlich ist das nicht zu fassen. Die Mutter liebt, wie Gott auch: weil wir seine Kinder sind. Davon leben wir. Das ist evangelisch.

Und das Tun des Gerechten?Ja, aber genügt das? –so fragen wir dann. Wo bleiben denn die Werke? Kann man jetzt tun und lassen, was man will? Im Jakobusbrief heißt es doch: Glaube ohne Werke ist tot. Gehört nicht die Ethik auch zur Rechtfertigung? Auf die Nächstenliebe kommt es doch an? Oder wenigstens ein bisschen „Seid-nett-Zueinander“? Ich habe den Eindruck: Wenn wir so fragen, fallen wir schon wieder in Altes zurück. Dann haben wir das unfassbare Geschenk noch nicht begriffen. Dann wollen wir noch zu viel rechnen, zählen, rühmen. Dann ziehen wir an den aufgehenden Saatkeimlingen und machen dabei alles kaputt.

Der göttliche KussWer reich beschenkt ist, der kann gar nicht anders. Der muss es weitergeben, weiterlieben.
Das ist wie einer, der gerade seinen ersten Kuss bekommen hat und gar nicht anders kann, als fröhlich zu sein und die ganze Welt zu umarmen. Wer geliebt ist, gibt die Liebe weiter.
Wer Gott als Vater hat, wer zu dieser Familie der Christen gehört, der kann gar nicht anders als das zu tun, was in dieser Familie üblich ist. Man tut das, weil man eben zu dieser Familie gehört.

Wenn ich zu Hause als Kind manchmal etwas ungezogen war, dann hat meine Oma zu mir gesagt: "Du Bub, wem gehörsch denn du? Erinnere dich doch, zu welcher Familie du gehörst. So benehmen wir uns nicht." Im Alten Testament heißt es: So tut man nicht in Israel. So sind auch die Ermahnungen gemeint, die wir bei Paulus und in den Pastoralbriefen finden: Nicht: „Du musst dieses oder jenes tun, um in den Himmel zu kommen“, sondern: „Erinnere dich dran, wo du hingehörst, erinnere dich dran, zu welcher Familie du gehörst. Du bist von Adel, du bist ein Königskind." Das Sein bestimmt das Tun und nicht umgekehrt.

Der himmlische SchlussAls Martin Luther das erkannt hat, dass es nicht darum geht, wie ich recht werde, sondern wer mich recht macht. Als er seinen Kopf aufgerichtet und weggeschaut haut von sich selber hin zu Jesus Christus. Als er erkannt hat, dass es nicht um eine bestimmte Lehre geht, sondern um die Beziehung zum König aller Könige, da hat er die herrliche Freiheit erlebt, Knecht dieses Herren zu sein. Und da war es, als hätten sich ihm die „Pforten des Paradieses geöffnet“. Aus der Nacht war er ins Licht getreten. Das ist keine evangelische Heldengeschichte aus der Vergangenheit, sondern eine Botschaft für die Gegenwart. Das Reformationsfest ist die Einladung an eine geschäftige, oft gnadenlose Welt, Christus zu vertrauen und dabei auch den Blick zu öffnen für die Not dieser Welt. Amen.

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