Reminiscere / 2. Sonntag der Passionszeit (01. März 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrer i.R. Karl-Adolf Rieker, Herrenberg [ka.rieker@gmx.de]

Römer 5, 1-5

Intention
Ausgehend von der apostolischen Wortgewalt des Paulus wird in dieser Predigt versucht, die gewichtigen Begriffe Bedrängnis, Rühmen, Geduld, Bewährung, Hoffnung in persönliche, gegenwärtige, alltägliche Erfahrungsformen zu gießen. Dabei dient als theologischer Hintergrund die Kreuzestheologie des Paulus und die Theologie des gekreuzigten Gottes nach Jürgen Moltmann.

Predigttext
1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus;
2 durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.
3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt,
4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,
5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

(Lutherbibel, Stuttgart 1985)

Liebe Gemeinde!
Der Apostel Paulus war eine starke Persönlichkeit und ein konsequenter Mann.
Wenn es um das Evangelium ging, kannte er kein Pardon.
Mehr als einmal riskierte er dafür sein Leben.
Auf seinen gefährlichen Missionsreisen war er nicht immer erfolgreich. Es gab Enttäuschungen und Niederlagen.
Dennoch ließ er nicht locker.
Er hatte einen unerschütterlichen Glauben und eine Kraft, die nicht nur aus ihm selber kam. Sie kam von Gott.
Sein Gottvertrauen und seine Jesusliebe machten ihn stark.

Das, liebe Gemeinde, ist es, was wir von diesem Mann, Paulus, lernen können.
Und darum wollen wir nun darüber, was er hier im Römerbrief schreibt, nachdenken und es, wenn möglich, auch für uns gelten lassen.

„Wir rühmen uns der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt“, so sagt er. Und wie diese Bedrängnisse ausgesehen haben, wissen wir.
Auf seinen Missionsreisen kam er in Bedrängnisse, die von Hunger und Kälte bis zum Gefängnis und zur Folter reichten.
Er stand sie durch im Vertrauen auf denjenigen, der ihm darin vorangegangen war – im Vertrauen auf Christus, den Gekreuzigten.
Und so schreibt er: „Nicht allein das, sondern wir rühmen uns auch dieser Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.“

Ist das nicht ein bisschen zu hoch gegriffen?
„Sich der Bedrängnisse rühmen“, weil sie „Geduld, Bewährung und Hoffnung“ bringen?
Mich persönlich beschleicht manchmal das Gefühl, dass solche hoch gegriffenen Bibelworte zwar schön und gut sind, aber leider nichts mit dem wirklichen Leben, mit der harten Realität unserer Welt zu tun haben.
Können sich denn die Menschen in der Ukraine, die den russischen Angriffskrieg erleiden müssen, ihrer Bedrängnisse rühmen?
Kann die Welt denn stolz darauf sein und sich „rühmen“, dass zigtausende Menschen auf ihr in Hunger leben, auf der Flucht sind und Angst vor Verfolgung haben?
Nein, das kann sie nicht!
Und in unserem privaten Bereich trifft das ja leider auch nicht zu.
Wen Krankheit und Schmerzen oder Trauer und Leid treffen, der rühmt sich nicht.
Der zieht sich eher zurück und erträgt sein Schicksal im Stillen. Warum?
Weil er oder sie die Erfahrung machen muss, dass Trauer und Leid im Alltag oft nicht vorkommen dürfen. Dass man funktionieren muss und wenn das nicht der Fall ist, es den anderen schwerfällt, damit umzugehen.
Sie können die Trauer und das Leid nicht mittragen.
Nicht selten zweifelt oder verzweifelt dann ein solcher Mensch an seinen Freunden, Nachbarn und Kollegen.
Nicht selten zweifelt oder verzweifelt dann ein solcher Mensch auch an Gott.
Er stellt die bittere Frage: „Warum gerade ich?“
„Wo ist Gott in meinem Leben, dass mir so etwas Schlimmes widerfahren muss?“

Die Antwort, die Paulus auf diese Frage gibt lautet:
„Gott ist am Kreuz.“
Dort ist Gott für dich. Und wenn du genau hinsiehst, merkst du, dass er leidet wie du, dass er mit dir mitleidet .
Und wenn du noch genauer hinsiehst, erkennst du, dass er dir damit sagen will: Dein Leiden und dein Schmerz gehören mit zu deinem Leben dazu. Sie sind ein Teil von dir.
Sie sind nicht sinnlos, sondern sie gehören mit zu deinem Lebensweg. Sie gehören mit zu dem Weg, den ich mit dir gehen will. Und dieser Weg bleibt nicht in Leid, Elend und Tod stecken. Sondern er führt weiter. Er führt darüber hinaus. Er führt hinein in das neue ewige Leben bei mir. So wie ich Leid und Tod überwunden haben, so wirst du es auch überwinden.

Auf den ersten Blick gibt es in Leid und Krankheit keinen Unterschied zwischen Christen und Nichtchristen.
Zum Beispiel ist Krebs nun einmal Krebs, und zwar für beide gleich.
Auf den zweiten Blick gibt es diesen Unterschied sehr wohl.
Wer in der Nachfolge des gekreuzigten Gottes steht weiß, dass ihn dieser Gott nicht im Stich lässt. Er fühlt, dass ihm dieser Gott nahe ist auch im Schmerz und in der Angst. Dass er ihm Kraft gibt in seiner Not. Und dass es die Hoffnung gibt die Not zu überwinden.
Ja, vielleicht entdeckt er gerade hinter dem Vorhang des Schmerzes und der Angst den persönlichen, wahren und lebendigen Gott für sich erst recht.
Und vielleicht gewinnen dann auch die Worte „Geduld, Bewährung und Hoffnung“ einen neuen tieferen Sinn für ihn.
Bedrängnis bringt „Geduld“, sagt Paulus.
Normalerweise macht das Leiden eher ungeduldig.
Unsere Geduld ist kein Drahtseil, sondern eben eher ein brüchiger Geduldsfaden.
Wenn ich in meiner Angst und Not aber auf den gekreuzigten Gott vertraue, wird mir die Geduld zur Kraft, das Unerträgliche zu tragen und das Leiden anzunehmen.

Geduld bringt „Bewährung“, sagt Paulus weiter.
Genauer übersetzt heißt das: Geduld bringt Standhaftigkeit. Aber auch das ist normalerweise nicht so. Oft siegt die Ungeduld über meine guten Vorsätze.
Wo aber ein Mensch sein Leiden in Geduld annimmt und darin bewahrt bleibt vor dem Abgrund der Verbitterung, da ist das wie ein Wunder und eine Gnade.

Bewährung endlich bringt „Hoffnung“, sagt Paulus.
Und auch das ist etwas Besonderes. Denn normalerweise enden unsere Hoffnungen in unserem Leiden.
Die Hoffnung aber, die im Leiden aus Geduld und Bewährung erwächst, ist eine starke Lebenskraft.
Es ist die Kraft, die den Tod nicht zu fürchten braucht.
Denn diese Hoffnung lässt auch dann nicht zuschanden werden, wenn unser Lebensplan zerbricht oder an sein Ende kommt. Deshalb hat man in den Spitälern und Hospizen des Mittelalters Bilder des Gekreuzigten aufgehängt. Damit die Leidenden sehen konnten: Jetzt geht es mir wie diesem Gekreuzigten und Leidenden. Und es wird mir gehen wie ihm. Nach Leiden, Sterben und Tod kommt neues, ewiges Leben.
Ich stelle mir diese Hoffnung so vor:
Sie ist die Kraft des zeitlichen und des ewigen Lebens.
Sie ist in uns sterblichen Wesen das Echo der Liebe Gottes.
Das Echo, der Liebe Gottes, die ausgegossen ist in unsere Seelen und Herzen und die stärker ist als der Tod.
Gott selber hofft auf uns, darum lässt diese Hoffnung nicht zuschanden werden.

Wir alle, liebe Gemeinde, sind vor Leiderfahrungen nicht geschützt. Wenn sie uns treffen, ist es bitter und schlimm.
Wir alle sind auch keine Apostel. Aber auch wir müssen in Leid und Schmerz nicht zuschanden werden. Wir können darauf vertrauen, dass Gott in allem, was uns widerfährt, mit dabei ist. Und wir können aus diesem Vertrauen heraus Kraft beziehen. Seelische Kraft, die uns stärkt im Leid und die uns zu Glaubenspersönlichkeiten macht, die etwas ausstrahlen von der Zuversicht auf die „zukünftige Herrlichkeit, die uns Gott geben wird“.
Amen.

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