Rogate (10. Mai 2026)

Autorin / Autor:
Professor Dr. Michael Gese, Ludwigsburg [m.gese@eh-ludwigsburg.de ]

Matthäus 6,5–13

Intention
Im Vaterunser gewährt Jesus Einblick in seine Gemeinschaft mit Gott. Es ist eine innige Beziehung zu seinem Vater. Die Beziehung zwischen Jesus und Gott bleibt ein Geheimnis – und doch dürfen wir daran teilhaben. In der Gemeinschaft von Vater und Sohn haben wir einen festen Platz. Denn Gott ist nicht nur der Vater Jesu, sondern darum auch unser Vater im Himmel.

Liebe Gemeinde!
Jesus lebt in einer einzigartigen, innigen Beziehung zu seinem Vater. Die Evangelien erzählen, dass er sich immer wieder auf einen einsamen Berg zurückzieht, um mit seinem Vater allein zu sein. Was in diesen Momenten geschieht, verraten die Evangelien nicht. Doch es muss eine tiefe Einheit und Verbundenheit gewesen sein.

Einmal aber lässt uns Jesus an dieser Beziehung teilhaben: im Vaterunser. Es ist das Herzstück der Bergpredigt. Jesus will uns damit nicht nur eine Vorlage für rechtes Beten und Bitten liefern. Er eröffnet uns in diesem Gebet vielmehr Anteil an seiner persönlichen Beziehung zum Vater. Damit hat er uns das Kostbarste anvertraut. Wer das Vaterunser betet, darf eintreten in die Gemeinschaft von Vater und Sohn. So erschließt uns dieses Gebet die geheime Beziehung Jesu zu seinem Vater.

Hören Sie das Herzstück der Bergpredigt, Matthäus 6,5–13:
„Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“

Jesus stellt dem Vaterunser zwei wichtige Hinweise voran: Wir sollen nicht beten wie die Heuchler und nicht wie die Heiden. Denn das sind zwei Haltungen, die dem Geist des Betens zuwiderlaufen.

Nicht wie die Heuchler
Zunächst könnte man meinen: Das ist heute nicht unser Problem, dass wir an Straßenecken stehen und mit dem Gebet prahlen. Aber damit ist nicht nur äußeres Zur-Schau-Stellen gemeint. Diese Haltung kann auch subtil sein, wenn wir uns selbst etwas vormachen oder uns darstellen wollen. Jesus sagt: „Geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür hinter dir zu.“ In den ärmlichen Hütten am See Genezareth gab es nur ein Kämmerlein, das verschließbar war: die Speisekammer. Sie war eng, dunkel und fensterlos. Sie konnte mit einer Tür verschlossen werden, damit Ratten und Mäuse ferngehalten wurden.
„Geh in dein Kämmerlein“ – gemeint ist damit ein Rückzug ins Innere, in die Stille des Herzens. Dort, fern von aller Fassade, dürfen wir ehrlich vor Gott sein. Das aber ist überall möglich: nicht nur zuhause, sondern im Alltag, beim Warten in der Schlange vor der Kasse, im Wartezimmer oder unterwegs im Stau auf der Straße. Gott ist ein verborgener Gott. Er ist uns im Verborgenen nahe und kennt unser Herz, wo auch immer wir sind.

Nicht wie die Heiden
Beim Beten kommt es nicht auf die Menge der Worte an. Beten ist kein Versuch, Gott zu überreden. Wir müssen ihn nicht bedrängen, um zu bekommen, wonach wir verlangen. Gott weiß längst, was wir brauchen. Es geht auch nicht darum, ihn zu informieren, sondern zu ihm zu kommen. Gebet ist Beziehung. Wie bei vertrauten Menschen braucht es oft nur wenige Worte – entscheidend ist die Verbundenheit, das Vertrauen, die Liebe. Teresa von Avila hat das sehr schön gesagt: „Beten ist nichts anderes als ein Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.“

Hinwendung zum Vater
Diese Beziehung prägt auch das Vaterunser. Es geht also nicht darum, dass wir das Gebet auswendig aufsagen können, sondern dass wir durch das Gebet eintreten in die Beziehung zu Gott. Darum auch die Anrede: „Vater unser im Himmel“. Gott „Vater“ nennen zu dürfen, ist ein Geschenk. Vielleicht gibt es unter uns manche, deren Beziehung zum eigenen Vater belastet ist. Wir sollen nicht unser irdisches Vaterbild hineinprojizieren. Vielmehr lässt uns Jesus teilhaben an seiner Vaterbeziehung. Durch ihn sind wir Kinder Gottes. Im Vaterunser begegnet uns der himmlische Vater Jesu, der jenseits von allem Irdischen ist. Der uns zugleich ganz nah ist. Dem die verborgensten Regungen des Herzens vertraut sind. Der uns darum besser kennt als wir uns selbst.

Beziehungsraum
Mit der Anrede treten wir ein in den Raum der Beziehung. In den ersten drei Bitten richten wir uns ganz auf ihn aus:
„Dein Name werde geheiligt“ – Das geschieht genau in dem Moment, wo wir ihn anrufen und seine Gegenwart in uns wahrnehmen. In der Tiefe unseres Herzens hat er bereits auf uns gewartet. Er ist da. Und wir treten mit ihm in Beziehung.
„Dein Reich komme“ – Wo diese Beziehung lebt, da beginnt sein Reich. Zunächst ganz im Verborgenen, in unseren Herzen. Von da aus breitet es sich immer weiter aus.
„Dein Wille geschehe“ – denken Sie nur daran, wie Jesus im Garten Getsemani betete und damit rang, in Gottes Willen einzustimmen. Auch wir sollen uns wie Jesus seinem Willen anvertrauen. Selbst in schweren Zeiten. Genau da können wir auf seine Beziehung setzen.
„Wie im Himmel so auf Erden“ – In dem Beziehungsraum des Gebets sind Himmel und Erde vereint. Gottes Gegenwart reicht in unser Leben hinein. Die Verbindung zum Himmel beginnt in unserem Herz.

Drei Bitten für unser Leben
Dann folgen drei Bitten für uns und unser Leben. Denn die Beziehung zum Vater verwandelt auch unsere Beziehung zur Welt:
„Unser tägliches Brot gib uns heute“ – Alles, was wir zum Leben brauchen, gehört da hinein: alle Bedürfnisse, er kennt sie schon. Tag für Tag kümmert er sich darum. „Sorget nicht“ steht als Zuspruch hinter der Bitte. Gott weiß, was wir brauchen. Alles erhalten wir von ihm, jeden Tag neu.
„Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ – Was zwischen uns und ihm steht, soll er hinwegnehmen. Damit uns nichts mehr trennt. Das ist Vergebung. Sie betrifft auch unser Miteinander, die Beziehung unter uns Menschen. Sie soll ganz von der Beziehung zu Gott geprägt sein: Die Vergebung, die wir empfangen, soll weiterfließen. Das ist oft schwer, doch wir leben aus Gottes Vergebung. Sie trägt uns, und sie verändert uns. Aus ihr bekommen wir die Kraft, anderen zu vergeben. So soll die Beziehung zu Gott unsere menschlichen Beziehungen verwandeln und neu prägen in Verbundenheit, Liebe und Treue.

„Führe uns nicht in Versuchung“
Das ist die schwerste Bitte. Wie soll man sie verstehen? Kann denn Gott in Versuchung führen? Das kann doch nicht sein, oder? Aber von der Beziehung zu Gott her gedacht, bekommt die Bitte einen anderen Klang. Wenn Gebet im Tiefsten Beziehung ist, dann ist das die Versuchung, die Gottesbeziehung aufs Spiel zu setzen, zu gefährden und zu zerstören.
Denken Sie noch einmal an Jesus im Garten Getsemani. In Todesangst ringt er darum, den Willen des Vaters zu erfüllen. Die tiefste Versuchung wäre, sich dem zu entziehen. Doch nichts kann ihn davon abbringen. Er geht den Weg in die Passion und in den Tod. So groß ist seine Verbundenheit mit dem Vater.
Anders die Jünger: Sie werden vom Schlaf überwältigt und fliehen entsetzt, als Jesus gefangen genommen wird. Ihr Vertrauen ist wie weggefegt. Nur noch Angst bestimmt ihr Leben. Wie hätten wir gehandelt, wäre es bei uns nicht ähnlich gewesen? Wie wäre es mit unserem Glauben, mit unserer Treue bestellt, wenn Gott uns nicht die Kraft dazu geben würde?

„Und führe uns nicht in Versuchung.“ Die Bitte zielt auf das, was in letzter Konsequenz Versuchung ist: die Gefährdung der Gottesbeziehung. Kein Mensch kann von sich aus Gott treu bleiben, wenn Gott es nicht schenkt. Nur Gott allein kann unsere Beziehung zu ihm halten und bewahren. Darum ist es so wertvoll, dass sich die Bitte vertrauensvoll an Gott wendet: „Führe uns nicht in Versuchung!“ und dass sie weitergeführt wird mit den Worten: „sondern erlöse uns von dem Bösen!“ Damit drückt diese Bitte aus, was das Vaterunser insgesamt prägt: Dass Gott es ist, der die Brücke zu uns schlägt und unsere Beziehung zu ihm schützt und hält.
So kommt auch in dieser Bitte das große Vertrauen zum Ausdruck, das aus dem Vaterunser spricht. Jesus legt uns dieses Gebet ans Herz. Wir sollen mit seinen Worten zum Vater beten. Das ist das Besondere. Seine Beziehung ist es, die uns diese Gemeinschaft eröffnet. In ihr bleiben wir bewahrt vor allem Bösen. Darum können wir nur einstimmen in den Lobpreis, mit dem das Gebet sich wieder dem Anfang zuwendet: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“

Jesu Worte in uns
Die tiefe Beziehung Jesu prägt das Vaterunser insgesamt. Gott trägt und bewahrt unsere Gemeinschaft mit ihm. Wenn wir dieses Gebet sprechen, beten wir die Worte Jesu. Das bedeutet aber: Wo wir das Vaterunser beten, betet zugleich Jesus selbst in uns zum Vater. Wir werden hineingenommen in seine Beziehung, in sein Vertrauen, in seine Nähe zu Gott. So gehören wir in die Gemeinschaft von Vater und Sohn. Was könnte es Größeres geben?
Die Beziehung zwischen Jesus und Gott bleibt ein Geheimnis – und doch dürfen wir daran teilhaben. In der Gemeinschaft von Vater und Sohn haben wir einen festen Platz. Denn Gott ist nicht nur der Vater Jesu, sondern darum auch unser Vater im Himmel.
Amen.

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