Septuagesimae (28. Januar 2018)

Autorin / Autor: Pfarrerin Dorothea Schlatter, Ludwigsburg [Dorothea.Schlatter@elkw.de]

Jeremia 9, 22-23

Liebe Gemeinde!
Angeber waren zu meiner Schulzeit nicht beliebt, Streberinnen auch nicht. Es war klüger, mit seinen Schätzen hinterm Berg zu halten, wollte man zur Gemeinschaft gehören.
Heute scheint das anders zu sein. In einer Welt der ständigen Optimierung und der allgegenwärtigen Selfies muss auch der Einzelne stetig am guten Image arbeiten. Und dazu gehört es, die eigenen Stärken zu rühmen. Positive Eigenschaften werden hervorgehoben, Unzulänglichkeiten oder Defekte retuschiert. Wer das nicht tut, wird nicht wahrgenommen.

Was war los in Jerusalem?Da stellt sich das Prophetenwort des Jeremia quer. Schauen wir uns die Zeit an, in die hinein diese Worte vom Prophet Jeremia gesprochen wurden: Der Textabschnitt wird der Regierungszeit Jojakims (609-598 v.Chr.) zugeordnet. Jojakim war als König des Südreichs Juda eingesetzt worden von Pharao Necho als Nachfolger des Königs Josias, der viele Reformen durchgesetzt hatte. Man war nach verlorenem Krieg den Ägyptern tributpflichtig, vier Jahre später den Babyloniern. Jojakim suchte seine Spielräume möglichst weit auszudehnen. Getragen von einer nationalistischen Mehrheit in Jerusalem fühlte er sich stark und kündigte die Tributzahlungen auf. Das führte zu einer erneuten Belagerung Jerusalems und schließlich zum Ende der Selbstständigkeit.
Der Prophet Jeremia warnte vor falscher Sicherheit. Er sagte Gericht an. Seinen Einspruch kennzeichnet er als Wort Gottes. Angesichts des drohenden Gerichts helfen weder Weisheit, Stärke noch Reichtum, es helfen aber auch nicht Dummheit, Schwäche und Armut. Eine Rückbesinnung auf das Vertrauen auf Gott wäre angesagt. Doch nationalistische Töne gaukeln eigene Stärke vor und übersehen, wie sehr der Einzelne und auch der einzelne Staat von der Gesamtheit abhängig ist, auf Freunde angewiesen, auf eine realistische Einschätzung der Lage. Ein Verhalten, das angesichts immer häufiger laut werdender nationalistischer Parolen erschreckend aktuell erscheint. Wenn wir die Nachrichten lesen oder hören, so scheint es leicht auszumachen zu sein, wo die sitzen, die sich ihrer Weisheit, Stärke und Reichtums rühmen.

Womit sollen wir uns rühmen?Aber was ist mit uns? Geht der Text uns auch dann an, wenn wir uns nicht zu den Mächtigen, Starken und Reichen zählen? Wenn wir uns fragen, ob wir denn überhaupt etwas zum Rühmen haben? Was ist, wenn wir oft angefressen davon sind, dass wir uns gern rühmen würden, aber keinen Grund dazu sehen? „Wenn wir so weise, stark oder reich wären, wie die anderen, dann“... Aber das Dilemma besteht ja darin, dass viele den Eindruck haben, entweder keine Stärken zu haben oder meinen, dass ihre Stärken gar nicht gesehen werden. Nur die anderen erreichen hohe Ziele, und wir bleiben zurück. Wenn wir im Beruf weiterkämen, wenn wir im Sport glänzen könnten, wenn wir schlanker und schöner wären, dann würde unser Leben auf einer anderen Ebene spielen können. Dann wären wir angesehen und glücklich. Dann hätten wir es zu etwas gebracht. Dann würden die anderen unsere Gesellschaft suchen. Der Vergleich mit den anderen zeigt, dass wir uns deren Maßstäbe zu eigen machen. Doch wo der Mensch auf sich bezogen lebt, gefährdet er das Leben der Gemeinschaft, die alle umfasst.
Dem Bemühen, sich möglichst gut darzustellen und sich zu rühmen, immer weiter und höher zu kommen, wird mit dem Prophetenwort eine heilsame Grenze gesetzt. Hat Gott etwas gegen Stärke, Weisheit, Reichtum? Davon kann nicht die Rede sein, und es ist keineswegs gefordert, wir sollten uns für dumm, schwach und arm verkaufen. Es gibt ja Menschen, die besondere Stärken haben. Es gibt unbestritten Unterschiede unter den Menschen. Bestritten wird, dass das ein Grund sei, sich über andere zu erheben.

Der Weg zur Quelle führt gegen den StromUnd Jeremia sagt dazu: dieses Streben nach Ruhm und das Vorzeigen von Ruhm, das ist die verkehrte Richtung. So kommst du niemals weiter. Kehre um und gehe zu der Quelle, an der du das Wasser umsonst bekommst. Suche Gott zu erkennen. Werde dir klar darüber, dass du reich beschenkt bist. Von ihm kommt dein Leben, deine Weisheit, deine Stärke, dein Reichtum. Hier kannst du deinen Durst nach Lebenssinn stillen. Und alle Energie, die zuvor drauf ging im Streben nach Selbstoptimierung, die wird frei. Mit der kannst du wirksam werden im Sinne Gottes. Gegen den Selbstruhm ist nur ein Kraut gewachsen: das Rühmen Gottes. Und ein erstes ist, zu rühmen oder auch einfach zu sagen, wer die Quelle meines Lebens ist. Davon zu reden, dass ich mich zu Gott halte und mich dessen nicht schäme. Den eigenen Kindern und Enkeln gegenüber nicht zu schweigen von meinem Glauben, sondern im Alltag deutlich machen, dass Gott mich trägt und erhält. Diese Weisheit ist in so vielen Lebensbereichen verloren gegangen. Religion hat aber mit der ganz gewöhnlichen Alltagswelt zu tun. Sie bestimmt und durchdringt diese oder sie verkommt zum Goldrändchen an den Übergangszeiten. Viel zu viele meinen, ihr Glaube sei Privatsache. Das ist so verbreitet, dass Politiker meinen, sich beschweren zu müssen, wenn Kirchenleute benennen, was denn christliche Haltung in der Flüchtlingsfrage, im sozialen Bereich, in der Arbeitswelt, im Umgang mit den Elementen und den Tieren bedeutet.

Die Fragen in die göttliche Ordnung bringenEs ist der Glaube an Gott, die Besinnung auf den Ursprung aller Dinge, der den Alltag ordnet, der Fragen in die rechte Reihenfolge bringt und Prioritäten setzt, deren Maßstab Barmherzigkeit ist, Recht und Gerechtigkeit. Diese Welt gehört nicht uns, sie darf nicht der Zerstörung preisgegeben werden. Sie gehört Gott. Rühmen wir Gott, der für Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit einsteht. Leichter gesagt als getan, mag da mancher denken, reichlich weltfremd obendrein. Da mache ich mich doch bloß lächerlich.

Mag mancher darüber lächeln, es ist doch eine kluge Lebenshaltung, die mein Leben reich macht. Denn Gott hat nichts gegen Selbstbewusstsein und Freude am Leben. Es ist eine Klugheit, die das Leben aus dem Blickwinkel Gottes zu betrachten sucht. Den menschlichen Wertbegriffen von Wissen, Macht und Geld, auf denen unsere Gesellschaft weitgehend basiert, werden Gottes Maßstäbe entgegengesetzt, die dem Reich Gottes zugrunde liegen: Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. Weil Gottes Barmherzigkeit noch kein Ende hat, leben wir. Wir brauchen uns nicht zu sorgen, ob wir zu unserem Recht kommen, wenn wir uns Gott überlassen. Wir brauchen uns nicht aufzublähen, wenn wir erkennen und annehmen, wie wertvoll wir von Gott her gesehen sind. Gottes Liebe befreit uns vom Zwang zur ständigen Optimierung. Damit sind die Ungerechtigkeiten, die Schieflage der Verteilung der Güter, die Zerstörung der Umwelt, Hass und Gewalt noch nicht beseitigt. Gott tritt ein für Gerechtigkeit und ermutigt uns, nach unseren Möglichkeiten und an unserem Ort dasselbe zu tun. Dabei dürfen und sollen wir unser ganzes Vermögen einsetzen, sei es der Verstand, die Herzensgüte, die Kräfte des Leibes und der Seele, die materiellen Güter oder die Schätze unseres Glaubens. Es lohnt sich, so zu leben. Denn gesegnet ist das Leben, das zuerst auf Gottes Wort hört und daraus ableitet, welche Schritte als nächste zu tun sind. Und nach getaner Arbeit den rühmt, der treu an der Seite seiner Menschen steht.
Amen.

Wichtige Anregungen für diese Predigt sind entnommen aus: Roland Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen, Band 2, S. 245ff; Calwer Predigthilfen, Neue Folge Reihe IV, 1. Halbband, S 134ff.

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