Septuagesimae (17. Februar 2019)

Autorin / Autor: Kirchenrat Dr. Frank Zeeb, Stuttgart [referat1.1@elk-wue.de]

Prediger 7, 15 -18

7,15 Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. 16 Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. 17 Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. 18 Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

IntentionWas Gott mit uns und seiner Welt vorhat – darum geht es, wenn ein Leben gelingen soll. Denn Gott meint es gut mit seinen Menschen.


Liebe Gemeinde,
was ja total in ist, das sind Ratgeber. In größeren Buchhandlung sind ganze Wände voll mit Ratgebern, zu jedem beliebigen Thema. Der Soziologe Ulrich Beck hat sich zu der Bemerkung hinreißen lassen: „Die Ratgeberliteratur schlägt eine Schneise der Verwüstung durch Deutschland.“ Dann all die Bücher und Veröffentlichungen, die uns praktische Ratschläge für den Alltag geben. Oft heißen sie auch „Bibeln“. Zum Beispiel die „Grillbibel“. Klappentext: „Das Buch zum perfekten Grillen! Der US-amerikanische Grill-Guru Jamie Purviance verwöhnt uns mit 160 neuen Rezepten zum Grillen mit Gas und Holzkohle, deren einzelne Grundzubereitungen in mehr als 1000 Stepbildern ...“ 24 Euro 95 Cent. Die Gartenbibel zu 19,95 Euro und die Do-it-yourself-Handwerkerbibel zu ebenfalls 24,95 Euro lege ich auch gleich in meinen Einkaufskorb. Dann kann ich endlich besser machen, was bisher falsch oder so lala war. So sollte ich es machen, wie es im Buch das Stepbild zeigt. Dann wird es endlich besser, effektiver, schmackhafter oder sonstwas. Eine zugeben etwas spöttische Kommentatorin hat dazu bemerkt: „Wie haben wir eigentlich all die Zeit Spiegeleier in die Pfanne gehauen, ohne vorher zu googeln, wie man so was richtig macht?“
Zwei Dinge fallen daran auf. Zum einen: Es reicht ersichtlich nicht hin, sich Hilfe und Belehrung zu holen, es muss schon die höchste Autorität sein. Deswegen gibt es keine normalen Koch- und Gartenbücher mehr, sondern nur noch „Bibeln“, die vom Grillguru verfasst werden und deshalb auf größtmöglichen Respekt bauen dürfen. Und zweitens: Offenbar ist da eine tiefe Sehnsucht im Menschen, „es“ – egal was – richtig zu machen. Und dem entspricht vermutlich eine ebenso große Angst, „es“ falsch zu machen, eine Chance auf ein besseres Ergebnis auszulassen. Und überhaupt soll ja niemand denken, dass ich nicht einmal in der Lage bin, ein Spiegelei zu braten oder eine rote Wurst schön knusprig zu grillen.
Aber es geht ja nicht nur um die banalen Dinge des Alltags, sondern um die ganz großen Fragen des Menschseins, den Sinn des Lebens, das rechte Verhalten zu den Mitmenschen, den Umgang mit meiner Schuld und denen, die mir weh getan haben. Die Grenzsituationen menschlicher Existenz: Leid, Schuld, Kampf und Tod. Natürlich gibt es auch dazu Ratgeber – ob die aber jemand anders glücklich machen als den Verfasser? Nein, meint Manfred Lütz, der viele kluge und gleichzeitig unterhaltsame Bücher zu dem Thema geschrieben hat. Er nimmt die ganze Ratgeberliteratur auf die Schippe, nennt deswegen sein Buch mit einem Schuss Ironie reißerisch: „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“. Er will aber gerade nicht irgendwelche Tipps geben. Manfred Lütz will uns bewusst machen, dass alles Streben nach Glück und guten Ratschlägen letzten Endes – und das ist jetzt eine Formulierung des Predigers Salomo – umsonst ist, eitel, ein Haschen nach Wind. Je mehr ein Mensch dem Glück nachläuft, desto mehr wird das Leben schal und die kleinen Erfolge und Freuden scheinen wertlos – es ist wie ein Suchtverhalten. Je mehr, desto schaler und desto mehr desselben brauche ich...

Prediger Salomo – Ratschläge für ein gelingendes LebenLassen Sie uns nun sehen, wie der Prediger Salomo mit der Frage nach einem guten Leben umgeht. Hier ist ja ein Ratgeber, der wirklich in der Bibel steht. Wir Christen sind zutiefst davon überzeugt, dass Gott selbst uns in diesem Buch seine Sichtweise offenbart. Durch die Worte der Bibel zeigt er uns, wie unser Leben sinnvoll wird und lässt uns seine guten Ratschläge für ein gelingendes Leben wissen.
Der Prediger Salomo nimmt zunächst wahr, dass die bisherigen Antworten zu kurz greifen. Vor allem beschäftigt ihn das Problem: Kann man gleichzeitig gut sein und gut leben?
Die klassische Antwort der Theologen Israels lautete: Tue recht, dann geht es dir gut. Wenn du aber Böses und Falsches tust, dann wird Gott dich strafen. Nun zeigt ein einfacher Blick in die Welt, dass es nicht ganz so einfach ist. Wie oft müssen wir erleben, dass es dem Gerechten eben nicht automatisch gut geht. Ich denke an eine Bekannte, eine junge Frau, die unstrittig versucht, ein anständiges Leben zu führen. Sie engagiert sich ehrenamtlich, hilft ihren Mitmenschen, wo immer sie kann… Dann lernt sie einen jungen Mann kennen, es ist die große Liebe, die beiden sind glücklich, verloben sich, planen eine wunderbare Zukunft miteinander – und wenige Wochen vor der Trauung stürzt der junge Mann beim Bergsteigen ab und kann nicht mehr gerettet werden. Ist das gerecht? Kann Gott so mit Menschen handeln, denen es ernst ist mit einem guten Leben. Lohnt es sich dann überhaupt, anständig zu sein, wenn es solche himmelschreiende Ungerechtigkeit gibt?
Und umgekehrt gibt es so viele Menschen, die mit ihren üblen Machenschaften durchkommen, die über Leichen gehen, denen die Mitmenschen nur Mittel zum Zweck sind – und denen gelingt alles, sie haben keinerlei Anfechtungen oder Gewissensbisse, führen ein lustiges Leben und werden immer reicher und mächtiger. Ach, Herr, heißt es in einem Gebet in der Bibel, warum geht es dem Gottlosen so wohl? Und auch in der Politik schmerzt es ja besonders, wenn eine vernünftige, menschenfreundliche Lösung sich nicht gegen die Sachzwänge durchsetzen kann, oder weil sie von denen torpediert wird, die geschickt ihr eigenes Süppchen kochen.
Der Prediger Salomo nimmt dieses Problem ernst. Was ich tue und wie es mir ergeht: Nicht immer hängt das zusammen. Ganz offensichtlich gibt es noch andere Faktoren, die unser Leben und Ergehen beeinflussen als unser Tun. Mit Bertolt Brecht: „Ja, mach nur einen Plan und sei ein großes Licht und mach nur einen zweiten Plan // gehen tun sie beide nicht.“

Des Menschen Tun hat eine GrenzeDer Prediger begreift, dass es eine Grenze gibt, an der des Menschen Tun endet. Man kann eben nicht alles beeinflussen durch rechtes Handeln, manches muss man einfach Gott überlassen. Übertriebenes Streben nach der Gerechtigkeit führt leicht zu Selbstherrlichkeit und Selbstrechtfertigung. So wird man leicht engstirnig und unbarmherzig, auch wenn es in bester Absicht und in frommster Haltung geschieht. Auch das kann Züge einer Sucht annehmen, wenn man zeigen will, dass man Recht hat und recht tut. Womöglich richtet man aber gerade so sich selbst und seine Mitmenschen zugrunde. Das wäre dann genauso schlimm, wie man sich um gar nichts schert.
Und deshalb kommt Salomo zum Schluss, der uns heute vielleicht als Scheinkompromiss vorkommt oder gar als spießig. Jugendliche und junge Erwachsene sagen ja oft: Das und das mache ich nicht mit. Es geht ums Prinzip, da darf es keine Ausnahmen geben. Der Prediger sagt: Du verrennst dich, zu starke Prinzipientreue macht dich genauso unglücklich wie zu lockeres Leben. Es kommt darauf an, das rechte Maß zu finden. Der „goldene Mittelweg“ ist keine faule Ausrede, sondern das rechte Maß zwischen den Extremen. Vielleicht finde ich so nicht das ganz große, ganz ekstatische Glück, aber ich riskiere eben auch nicht das große Unglück. Ich weiß, was ich tue und kann Gründe dafür nennen. Das ist ja auch was wert. Und alles Weitere kann ich Gott überlassen Denn er weiß, was er tut und mit meinem Leben vorhat. Die Ehrfurcht vor Gott ist der Urgrund aller Weisheit.
Jesus Christus – seine Ratschläge, menschliche Grenzen zu überwinden.

Nun hat die Geschichte natürlich noch eine Pointe. Denn die Grenze zwischen Gottes Tun und dem des Menschen ist für die Menschen seit dem Neuen Testament offener geworden. In Jesus Christus hat Gott selbst sie überschritten. Jesus hat sich zu uns begeben, um uns Gottes Willen zu lehren und uns zu zeigen, wie unser Leben gelingen kann. Deswegen hat er sich genau zu denen aufgemacht, deren eigenes Streben an die Grenze gekommen oder sogar gescheitert ist. Pharisäer und Zöllner waren an seinem Tisch willkommen. Wer aus sozialen Gründen, wegen seiner Herkunft oder seines Geschlechtes die Grenzen gezeigt bekommen hat, dem hat Jesus neue Horizonte eröffnet. Und Menschen haben sich von Jesus verändern lassen. Sie haben von ihm gelernt, loszulassen und sich auf Gott neu auszurichten. Der Ratschlag, den Jesus gibt, wie wir unvermeidlich glücklich – der jüdische Mensch würde sagen „selig“ – werden, richtet sich nicht auf hektisches Tun oder das Befolgen gescheiter Hinweise. Er lautet schlichtweg: Geh du deinen Weg mit Gott. Geh niemandem auf den Leim und lass dich nicht von einer Ideologie vereinnahmen. In Gottes Augen sind verschiedene Lebensentwürfe sinnvoll, nur eine Radikalität, nur ein Prinzip gilt unverrückbar: Was Gott mit uns und der Welt vorhat, ist die Richtschnur. Das verstehen wir oft nicht, aber Jesus hat uns vorgelebt, wie Gott das Gute will.
Diese Haltung fasst der Wochenspruch zusammen (Dan 9,18): „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“ Amen.


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