Sexagesimae (24. Februar 2019)

Autor/in: Kirchenrätin Carmen Rivuzumwami, Stuttgart [c.rivuzumwami@q-orange.de ]

Apostelgeschichte 16, 9 -15

16,9 Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns! 10 Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. 11 Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis 12 und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Makedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. 13 Am Sabbattag gingen wir hinaus vor das Stadttor an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.
14 Und eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. 15 Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.

IntentionDer Predigttext ist mehr als ein Reise-Itinerar. Er beschreibt verdichtet das Leben selbst mit seinen Aufbrüchen, Abbrüchen, Umbrüchen und Neuaufbrüchen und der Sinnsuche, der Suche nach Gott.
Im Kontext von Europa heute mit den Sorgen der Menschen darin zeigt der Text eine Bewegung auf, die von Gott gelenkt, aber immer gehalten ist und für uns das gute, lebendige Leben bereithält.

Liebe Gemeinde,
das Gefühl festzusitzen, nichts geht voran, verbreitet sich derzeit zunehmend in Europa.
Was gestern noch nach Aufbruch aussah, ist heute erstarrt.
Europa ohne Grenzen – heute grenzenlose Fragezeichen.
Stillstand zieht Hoffnungslosigkeit nach sich. Und Hoffnungslosigkeit macht Angst. Angst ist nicht produktiv, nicht kreativ. Was lebendig war, erstarrt. Wird zu Gleichmut und sogar Gleichgültigkeit. Der Horizont wird eng – kein „Hinterm Horizont geht’s weiter“.
Und mitten drin sitzen wir mit unseren persönlichen Sackgassen im Alltag oder in den ganz existentiellen Lebensfragen, wenn alles ganz anders kommt:
- „Eine Woche habe ich an der Projektkonzeption gearbeitet. Wofür? Für den Papierkorb. Will ich das noch 20 Jahre machen?“
- „Ich will so nicht weiterleben – ich kann mit dir nicht alt werden, ich will die Trennung!“
- „Das sieht nicht gut aus, die Krankheit greift weiter um sich.“
- „Du bist so müde, weil du nicht weißt, wie es weitergeht und die Sorge dich nicht schlafen lässt“

Lebenspläne stoßen unvorhergesehen an ihre Grenzen, werden in Frage gestellt.
Ja, Lebenspläne drohen zu scheitern. Man wird fassungslos.
Die Seele brennt. Sucht Halt.
Wir müssen reden – und können nicht! Wer hört zu? Wer hat Zeit? Wem bin ich wichtig?
Die Räume im Dazwischen, zwischen Nicht-Mehr und Noch-Nicht sind schwer auszuhalten, sie machen Angst.

Und dann kam alles ganz andersUnser heutiger Predigttext erzählt davon, wie etwas abbricht, sich verändert und neu anfängt. Er erzählt von Stillstand, Verzagen und wieder In-Bewegung-Kommen. Dann kann man Menschen begegnen, die einen weiterbringen und die man vorher noch gar nicht kannte...
Unermüdlich war Paulus unterwegs – nicht allein, sondern mit seinen Gefährten – um das Evangelium von Jesus Christus in die Welt zu tragen.
Als Missionar, als Gesandter Gottes, machte er den Glauben an Jesus Christus allen Menschen zugänglich. Auf seiner sogenannten ersten Missionsreise kann er Erfolg an Erfolg reihen: Die Menschen vernehmen das Evangelium, Gemeinden entstehen und wachsen.
Auf zur nächsten Reise. Das Konzept ist klar: die schon gegründeten Gemeinden besuchen und stärken und dann weiterziehen, Landstrich um Landstrich erfassen.
Doch nun stehen sie da: Es geht nicht mehr weiter.
Ich kann mir vorstellen, wie die Reisegruppe erstarrt. Ist denn alles sinnlos, was sie sich vorgenommen hatten? Nein. Auf einmal begreifen sie: Gott hat andere Pläne mit uns: Eine Vision, konkretisiert in einem Menschen, beruft Paulus zur weiteren Mission, zeigt den neuen Weg auf.
Der Ruf „Komm nach Mazedonien und hilf uns“ setzt Paulus wieder in Bewegung. Und er überzeugt auch seine Freunde.
Sie setzen über, über das Mittelmeer, aus der Türkei nach Europa. Europa ruft: Komm und hilf uns. Mit diesem Ruf beginnt die Globalisierungsgeschichte des Christentums.

Europa ruft: Komm und hilf uns!Heute sieht es scheinbar anders aus. Europa hat die Fülle und andere Menschen, die hier nicht hergehören, drängen übers Mittelmeer rein. Ein starres Bild, das – zum Teil von den Medien verstärkt oder gar befeuert – um sich greift.
Eine menschenverachtende Heilsbotschaft: Grenzen dicht machen und Wohlstand sichern.
Und dabei das Evangelium von der Barmherzigkeit Gottes vergessen!
Der christliche Glauben aber kennt keine Grenzen, keine Nationen. Kennt keine EU-Außengrenzen. Wir sind Teil der Weltchristenheit, wir sind Schwestern und Brüder in der Familie der Kinder Gottes, Geschwister im Glauben.
Das wird heute gelebt: in vielen Kirchengemeinden und Projekten, in Austausch und Begegnungen mit Partnergemeinden in Osteuropa, Afrika, Asien, Lateinamerika.
Das wird gelebt in der Unterstützung der vielen Menschen, die aus Not, Verzweiflung und der nackten Überlebensangst zu uns nach Europa kamen und kommen. Viele, viel zu viele, haben auf dem gefährlichen Weg nach Europa ihr Leben gelassen.
Die Gesellschaft ist dabei tief gespalten, die Gräben werden tiefer und tiefer. Menschen haben Angst: die hier leben und die zu uns gekommen sind.

Und Europa hat keine Antwort auf die drängenden Fragen.„Komm und hilf uns!“ hat heute einen neuen Klang. Die Perspektive hat sich verschoben.
Europa hat Mangel trotz allem Reichtum, ist erstarrt und wagt keine neuen Wege. Aus Angst vor dem Ungewissen richtet man den Blick zurück, will bewahren, zieht sich auf sich selbst zurück. Kann es sein, dass Europa Hilfe braucht, heute wieder?
Doch die Parolen, gar Hassparolen, bewahren nicht das christliche Abendland. Im Gegenteil: Sie verraten es. Sie zeigen ein hässliches Zerrbild, das sich tief in die Seelen vieler Menschen einbrennt.
Paulus kam nicht als Flüchtling nach Europa. Er wurde gerufen.
Gerufen, um Hilfe zum Leben zu bringen, um Gottvertrauen zu vermitteln, so wie es der christliche Glaube schenkt. Paulus selber hat erfahren, dass er nicht ein Konzept von Mission und schon gar nicht sein Konzept einfach durchziehen kann. Mission ist keine Theorie – Mission ist Begegnung mit Gott und den Menschen, Mission ist reden über Gott und die Welt.

„Wir müssen reden!“Paulus ließ sich darauf ein und folgte dem Ruf des mazedonischen Mannes: Komm, und hilf uns!
Er trifft nun aber nicht auf den hilfesuchenden Mann, sondern auf eine Gruppe von Frauen. Die Missionsgruppe sucht den Ort auf, „wo wir dachten, dass man zu beten pflegte“ und trifft auf Frauen, die dort zusammensaßen.
Für die damalige Zeit mehr als ungewöhnlich: Eine Männergruppe trifft auf eine Frauengruppe. Sie ignorieren sich nicht, sondern begegnen sich auf Augenhöhe und kommen ins Gespräch. Wieder ganz anders als man erwarten könnte..
„Wir müssen reden!“ – So könnte Paulus das Wort an die Frauengruppe gerichtet haben, denn er hat eine Mission, das Evangelium im Gepäck.
„Wir müssen reden!“ So könnte aber auch der Blick der Lydia an die Männergruppe gewesen sein, weil sie ahnt, dass Gott ins Spiel kommt. Dass Paulus etwas mitbringt, wonach sie sucht und was sie für sich zum Leben braucht.
Lydia wird als Purpurhändlerin, also als wirtschaftlich unabhängige Frau, besonders herausgehoben. Sie ist gottesfürchtig und auf der Suche nach dem gegenwärtigen Gott. Ihr Herz wird geöffnet, und sie öffnet sich Gott und seiner Botschaft.
Gemeinsam mit ihrem Haus lässt sie sich taufen. Lydia – die erste Christin Europas.
Mission erfüllt! Weiter. Europa ist groß. Paulus könnte weiter ziehen.

Das Leben feiernEnergisch kommt hier Lydia ins Spiel:
„Halt, lieber Paulus. Mein Glaube an Gott als den Herrn in meinem, in unserem Leben, will gelebt sein. Will mit Leben gefüllt sein.
Die Taufe ist das eine, aber das Leben in der Taufe das andere.
Die Taufe ist kein Schlusspunkt am Ende der Sinnsuche, der Suche nach Gott. Sie ist ein ganz lebendiger Doppelpunkt.“
Lydia drängt Paulus und seine Gefährten zum Verweilen in ihrem Haus. Und das kann ich mir nur so vorstellen, dass zunächst die Freude gefeiert wird, ein Tauffest – ein Fest des Lebens mit Gott und den Menschen. Die Gespräche gehen weiter, werden vertieft, weil Vertrauen entstanden ist. Neue Begegnungen werden möglich, weil andere dazu kommen.
Und vielleicht ist auch leise wieder eine Stimme, ein Blick dabei: Komm, und hilf mir!

„Wir müssen reden!“ – Ja, das tut not und uns allen mehr als gut.
Wenn etwas wieder in Bewegung kommt, löst sich die Erstarrung. Das sind manchmal nur kleine Akzente: ein aufmerksamer Blick, ein aufmunterndes Wort. Ich sehe dich, ich werde wahrgenommen. Und was oft fehlt: Ich werde gehört! Angehört.
Gott ist dabei – er sendet seinen Geist, wohin er will. Vor allem aber: Er hört uns zu. Im Gebet, dann, wenn wir unsere Klagen, unsere Zweifel, unsere Ohnmacht, unsere Freude an ihn richten: laut oder leise, sagen was ist, mit uns und der Welt los ist. Dann ist er da.
Da, wo ein Mensch sich unserer annimmt, da ist Gott. Da, wo wir genau hinhören, hinsehen, helfen, aufhelfen oder auch Einhalt gebieten, da sind wir das Salz der Erde und das Licht der Welt. Da entsprechen wir Gott.

Mission ist die Einladung zur Begegnung – die Einladung zum Leben!Mission ist keine Einbahnstraße und auch keine Sackgasse.
Mission ist Einladung zum Leben! Einladung zur Zukunft Gottes!
„Soll unser Leben in Freiheit überleben und die tödlichen Gefahren der Gleichgültigkeit überwunden werden, dann muss in uns und in anderen Menschen der Glaube erweckt werden: ein Glaube, der Berge versetzt. Die bedingungslose Liebe zum Leben muss in uns neu erwachen. Es gibt keine Zukunft ohne Hoffnung. Es gibt kein Leben ohne Liebe. Es gibt keine Gewissheit ohne Glauben.
Das ist die Aufgabe der Mission, des christlichen Lebenszeugnisses, den lebendigen Christus zu verkünden und den Geist des Lebens zu erwecken und zu spüren.“(1)
Darum können und müssen wir auf andere zugehen.
Darum können und müssen wir zuhören.
Und Unerhört!: Wir müssen reden.
Dann werden sich Herzen öffnen statt verzweifelt Köpfe zerbrechen.
Dann vertrauen wir wie einst Paulus und Lydia den neuen Wegen, auf die der Geist Gottes uns weist.
Und dann feiern wir – und das dürfen wir bei allem nie vergessen – das Leben in seiner Fülle.
Wann, wenn nicht jetzt!
Wo, wenn nicht hier!
Wie, wenn ohne Liebe!
Wer, wenn nicht wir!

Setzen wir uns mit Lydia und Paulus an den Fluss des Lebens und kommen ins Gespräch.
Gott schenke uns dafür immer wieder neu seinen Geist als Quelle des Lebens.
Amen.


Lied nach der Predigt: Vertraut den neuen Wegen EG 395

Anmerkung:
1 Nach Jürgen Moltmann, Gott im Projekt der modernen Welt. Beiträge zur öffentlichen Relevanz der Theologie, Gütersloh 1997, S. 217.





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