Sexagesimae (31. Januar 2016)

Autorin / Autor: Pfarrer Jochen Maier, Kirchheim/Teck [Jochen.Maier@elkw.de]

Hebräer 4, 12-13

Liebe Gemeinde, vor allem Anfang, bevor überhaupt irgendetwas sein kann, schafft Gott Ordnung im Chaos – so schildert es der 1. Schöpfungsbericht am Anfang der Bibel. Ins Tohuwabohu des gestaltlosen Chaos hinein benennt Gott, was sein soll: „Es werde Licht!“ befiehlt er. Und dann scheidet Gott das Licht von der Finsternis – und damit beginnt die Schöpfung der Welt. Dieses unterscheidende Handeln Gott ist nach der tiefgründigen Auffassung des biblischen Schöpfungsdenkens die Grundvoraussetzung für das Werden der ganzen Schöpfung. Gottes unablässig gestaltender, ordnender Schöpferwille, der die Welt sozusagen überhaupt „in Form hält“, besteht ganz wesentlich in seinem unterscheidenden und ordnenden Wirken in der Welt. Und dieses ordnende Wirken geschieht von Anfang an maßgeblich durch sein Wort.

Eine AufrüttelungsschriftDieser Hintergrund des biblischen Denkens ist wichtig für den heutigen Predigttext aus Hebräer 4, Vers 12 und 13, in dem es ebenfalls um Gottes Wort geht:
„Denn lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens; vor ihm bleibt kein Geschöpf verborgen, sondern alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden.“

Der Hebräerbrief im Neuen Testament ist in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts geschrieben worden, wahrscheinlich in Italien. Er ist eine Art Aufrüttelungsschrift an Christen, für die das Neue und Verheißungsvolle am christlichen Glauben offensichtlich zu verblassen drohte.
Weniger Leute kommen zum Gottesdienst. Man passt sich den Sitten der Umwelt wieder mehr an. Man versucht die Distanz zum Judentum und zum Tempelkult wieder zu mildern. Man vermeidet unnötiges Anecken. Insgesamt war diese christliche Gemeinde, an die der Brief gerichtet war, offenbar dabei, verwaschen und mutlos zu werden.

Wenn wir diese Situationsbeschreibung heute hören, dann können wir dieser damaligen Lage immerhin entnehmen, dass es schon von Beginn an und immer wieder solche Ermüdungserscheinungen in den christlichen Gemeinden gab – und dass das gegenwärtige Verblassen der Bedeutung des Christseins bei uns nichts Außerordentliches ist im Laufe der christlichen Geschichte. Aber immer wieder neu im Lauf der Christentumsgeschichte hat Gott durch sein Reden Menschen aufgerüttelt, in Bewegung versetzt und Glauben gewirkt. Und eben darauf vertraut auch der Verfasser des Hebräerbriefs, indem er an die Unterscheidungskraft und Lebendigkeit von Gottes Wort erinnert. „Lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert...“

Gottes Wort als offenlegende und klärende KraftEs geht hier um die offenlegende, sortierende und klärende Kraft von Gottes Wort. Der Verfasser des Hebräerbriefs versteht das Wort Gottes nicht als starre Satzung von Geboten, sondern als Kraft, die segensreich und klärend in die Geschichte eines Menschen und in die Geschichte der Glaubenden insgesamt hineinwirkt.

In diesem Vergleichsbild von Gottes Wort als einem scharfen Schwert ist nämlich nicht etwa die zerstörerische Gewalt des Schwerthiebs der entscheidende Vergleichspunkt, sondern die durchdringende und bloßlegende Kraft der scharfen Schneidefläche des Schwerts. Dass die inneren Zusammenhänge sichtbar werden – darum geht es!

Das wird gestützt dadurch, dass es im zweiten Vers unseres Predigttextes um das durchdringende Sehen Gottes geht, das hinter alle Tarnungen, Verhüllungen und Selbsttäuschungen des Menschen zu blicken vermag. Es geht also insgesamt um die offenlegende und klärende Kraft von Gottes Wort!
Klärung ist wichtige Voraussetzung für Veränderung, für Verwandlung, für Umkehr. Ich muss eine Sache neu und anders sehen, um anders mit ihr umgehen zu können!

Die gefährliche Fähigkeit, sich etwas vorzumachenWeil aber Veränderung unbequem und mühsam ist, gibt es eine tief sitzende Neigung in uns, die Veränderung zu vermeiden, indem wir Dinge lieber im Ungewissen und Unscharfen lassen. Gott aber will uns durch sein Wort davor schützen, dass wir uns etwas vormachen und nicht mehr wissen, worauf es eigentlich ankommt. Das ist nämlich tatsächlich eine der gefährlichsten Fähigkeiten des menschlichen Herzens – dass wir uns selbst etwas vormachen können und dann vielleicht viel zu spät merken, dass wir uns selbst belogen haben.

Ich nenne Beispiele.
Wir machen uns etwas vor, wenn in dieser Gesellschaft zunehmend ein Bild vom Menschen als biologischer Maschine herrscht und so getan wird, als ob die Frage unseres Älterwerdens, unseres Krankwerdens und unseres Sterbens bloß eine Angelegenheit besserer Fortschritte der Biochemie sei – und nicht vielmehr die existenzielle Anfrage an jeden, was er als Sinn dieses Daseins lebt. Sind nicht eben unsere Grenzen immer wieder Ausrufezeichen Gottes, anders mit unserem Leben und uns selbst umzugehen?
Und im Bereich des Glaubens: Wir machen uns etwas vor, wenn wir meinen, Christsein sei im Grunde eine freundliche bürgerliche Anständigkeit – und nicht wahrhaben wollen, dass es eine permanente unbequeme Anfrage an unsere tiefsten Motive und Beweggründe im Leben ist.
Wir machen uns etwas vor, wenn wir erstaunt und ratlos das Abnehmen der Bedeutung des christlichen Glaubens in unserer Gesellschaft beobachten, aber gleichzeitig nur schwer die persönliche Glaubwürdigkeit hinbekommen, uns z.B. in kirchlichen Gruppen und Gremien nicht mit Gekränktheiten und Empfindlichkeiten und Vorurteilen gegenseitig mehr zu misstrauen als – im Gegenteil – füreinander einzustehen.

Gottes Wort als Entfaltungshilfe für das LebenLiebe Gemeinde, Gottes Wort wird im Predigttext deswegen ausdrücklich als „lebendig“ bezeichnet, weil es im Reden Gottes zu uns immer darum geht, Leben zu ermöglichen – klareres, ehrlicheres, befreiteres Leben. Von Anfang an, schon im Hervorrufen dieser ganzen Schöpfung, hat Gottes Wort die Absicht, das Unklare zu ordnen und das Leben zu entfalten. Das ist nach wie vor Gottes Absicht auch für jeden von uns: Lebensentfaltung!

Wenn wir Gottes Wort so verstehen – als Hilfe zum Wachwerden, als Entfaltungshilfe für das Leben, als Enttarnungshilfe für unsere Selbsttäuschungen – dann ist es ein in Wahrheit zum Leben helfendes Wort.

Aber was ist denn eigentlich gemeint mit diesem Ausdruck „Gottes Wort“, der in der Bibel und auch in diesen Versen aus dem Hebräerbrief so selbstverständlich verwendet wird? Die Gesamtheit der Sätze und Buchstaben der gedruckten Bibel? Oder irgendein Extrakt der wichtigsten Dinge der Bibel – wie z.B. die Zehn Gebote und die Bergpredigt? Oder ist das Wort Gottes einfach das, was in mir haften bleibt aus Erziehung und christlicher Kultur und verschiedenen Bibelworten und inneren frommen Regungen?

Ich möchte einen Vergleich versuchen. Manchmal, wenn ich am Samstag oder Sonntag Zeit finde, den Alltag mit seinen Herausforderungen und Anstrengungen und Sorgen zu unterbrechen und eine Weile über Wiesen oder im Wald spazieren gehe, dann geschieht es oft einfach durch diese andere, weitere, vielfältige Umgebung der Natur, dass ich nicht nur äußerlich Neues sehe, sondern auch innerlich mich lösen kann von den mich beherrschenden Dingen.
Die andere Landschaft, das Herausgehen aus mir selbst, schafft neue Wahrnehmung – eine Wahrnehmung mit größerem Horizont, in der sich mein Blick öffnet und weitet.

Gottes Wort könnte man vergleich mit so einer Landschaft, in die ich hineingehe. Egal ob das jetzt das persönliche Lesen eines Bibelabschnitts ist oder das Hören und Nachdenken in einem Gottesdienst oder das Singen vertrauter Liedverse oder das Gebet, in dem ich mich Gott zuwende oder eine Zeit der Stille, in der ich innerlich lausche oder die liebevolle Zuwendung zu einem anderen Menschen – dieses Hineingehen oder Umhergehen in der vielfältigen Landschaft des Redens Gottes in Bibelwort und Menschenwort und in Zeichen seines Willens und im Erfahrungsschatz der Glaubenden aller Zeiten wirkt auf mich klärend und unterscheidend und tröstend und öffnend.

Im Glauben Lebendigkeit lernenEs schafft mich sozusagen um, das Reden Gottes. Es gestaltet mich neu. Aber ich muss hineingehen in diese vielfältige Landschaft des Redens Gottes mit ihren tiefgründigen Tälern und grandiosen Gipfeln, mit ihren Wüsten und Gärten – und diese Landschaft von Gottes Reden wieder und wieder neu erkunden und mich davon prägen und aufrütteln und sehnsuchtsvoll machen lassen.

Das lebendige Wort Gottes ist der Raum der Klärung, den uns Gott für den Weg unseres Lebens anbietet. Das lebendige Wort Gottes ist der Lebensraum, in dem ich die erlöste Lebendigkeit lerne, für die mich Gott gedacht hat. Das lebendige Wort Gottes ist deswegen buchstäblich lebendig geworden nicht nur in einem schriftlichen Kodex, sondern in einer lebendigen Person, in Jesus Christus. Das heißt vor allem auch: Es geht im Glauben um Menschwerdung, um auch meine persönliche Reifungs-, Verwandlungs- und Vollendungsgeschichte. In diese Heilsgeschichte, die uns in Jesus vorgebildet ist, versucht uns Gottes lebendiges Wort hineinzuziehen.
Lebendig und kräftig und offenlegend, damit wir uns nicht unnötig etwas vormachen über das eigentliche Ziel und Geheimnis unseres Lebens.
Amen.

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