Ewigkeitssonntag / Totensonntag (25. November 2018)

Autor/in: Pfarrerin Angelika Volkmann, Tübingen [Angelika.Volkmann@elkw.de]

Philipper 1, 21 -26

Liebe Gemeinde:

Dürfen wir uns nach dem Tod sehnen?

Sie sitzt am Fenster und schaut hinaus. Es schneit. Sie beobachtet, wie der Nachbar Schnee schippt und wie sein kleiner Sohn mühsam den Schlitten den kleinen Hügel hinaufzieht, um gleich wieder herunter zu sausen. Wie oft hat sie das mit Kindern und Enkeln gemacht! Jetzt kann sie nicht mehr hinaus, es ist zu gefährlich für sie mit ihren 92 Jahren. Ihr Radius ist klein geworden. Meistens bleibt sie in der Wohnung. Das Essen wird ihr gebracht, ihre Tochter schaut mehrmals am Tag zu ihr rein. Sie spielt noch wenige Stücke auf dem Klavier, liest ihre Lieblingsbücher, löst Rätsel. Sie lacht gerne. Sie ist zufrieden. Fühlt sich von Gott getragen.
Und da ist eine Sehnsucht in ihr. Seit ihrem achtzigsten Geburtstag. Die Sehnsucht nach der Ewigkeit. Sie hat so viel erlebt, Schweres und Schönes. Sie hat zwei Weltkriege überstanden, den ersten als Kind, den zweiten als Mutter. Sie ist bewahrt worden. Sie hat oft geweint und oft gelacht. Sie hat gehungert und ist satt geworden an festlichen Tischen. Ihre eigene Mutter ist gestorben, als sie noch sehr klein war. Sie selbst hat sechs Kinder großgezogen, deren Leben begleitet, hat immer mitgelitten, hat sich mitgefreut. Sie hat sich an den Enkeln gefreut, hat auch an deren Leben intensiv Anteil genommen. Ich habe so viel erlebt, denkt sie. Dass man sich streitet und wieder versöhnt, dass man sich trennt und wieder zusammenfindet – oder auch nicht; dass man sich verletzt und damit leben muss; dass man schuldig wird. Dass man verzeihen kann. Dass man für so vieles dankbar sein kann. Wahrscheinlich bin ich wie Abraham alt und lebenssatt, denkt sie. Ich sehne mich nach der Ewigkeit. Ich brauche nicht noch mehr von diesem vollen Leben. Ich möchte so gerne am Ziel sein, bei Gott. Sterben ist mein Gewinn. Und sie schaut hinaus in den fallenden Schnee.

Dürfen wir uns nach dem Tod sehnen?

Was hält mich hier noch? Der Mann sitzt im Wohnzimmer, wo sie immer saßen, wo sie geredet haben, gelacht und gespielt. Durch einen Unfall hat er seine Frau und den 8-jährigen Sohn verloren. Seitdem hat nichts mehr für ihn wirklich Bedeutung. Alles fühlt sich leer an. Das Land der Lebenden ist ihm fremd geworden.
Wo seid ihr? Er träumt vor sich hin. Vor seinem inneren Auge sieht er ein Boot. Schemenhaft. Es gleitet durch das Wasser. Darin sitzen sie. Seine geliebten Toten. Tränen laufen über sein Gesicht, scheinen sich mit dem Wasser zu verbinden. Seine Frau und sein Kind gleiten dort vorbei. Sie singen und lachen wie früher. Sie sind zusammen. Er will ihnen zuwinken, doch es geht nicht. Das Boot entschwindet mit ihnen. Was hält ihn hier noch? Er will bei ihnen sein.

Dürfen wir uns nach dem Tod sehnen?

Paulus sitzt im Gefängnis und diktiert einen Brief. Er ist sehr nachdenklich. Er notiert sehr persönliche Gedanken. Es ist im Jahr 60 n.Chr. Seit zwei Jahren ist er jetzt hier. Das zermürbt ihn allmählich. Seine Zukunft ist nicht absehbar. Werden sie ihn verurteilen? Werden sie ihn freisprechen? Beides ist denkbar. Was soll er sich wünschen?
Christus ist mein Leben, schreibt er. Er empfindet es als tiefe Berufung, das Evangelium von Jesus Christus in den Ländern des Mittelmeeres zu verbreiten. Da ist er Feuer und Flamme, dafür ist er gemacht, das ist seine Begabung. Die Spanienreise ist geplant – und nun sitzt er hier fest. Und dabei wird er so dringend gebraucht! Auch von den Philippern! Er will ihnen noch so viel sagen, was Christus ihm aufgetragen hat. Und wie verbunden fühlt er sich ihnen. Er sehnt sich nach dem Leben! Christus ist sein Leben, nichts sonst.
… und Sterben ist mein Gewinn. Wie das? Sein Leben ist auch anstrengend geworden. Er erlebt Verfolgung und Leiden. Seine Gegner verbreiten Spott über ihn und reden Schlechtes über ihn. Das ist hart. Sie tun ihm Unrecht. Er leidet an einer Krankheit. Physische und seelische Schmerzen muss er aushalten. Da wäre es für ihn eine Erlösung, sterben zu können. Denn Sterben bedeutet für ihn nicht eine Auflösung ins Nichts. Nein. Wenn ich sterbe, bin ich bei Christus, dessen ist er gewiss. Bei ihm ist er geborgen in Frieden und Seligkeit. Nichts Besseres kann es für ihn geben.
Es ist wie ein Zwiespalt. Paulus ringt mit sich. Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre, schreibt er, aber es ist nötiger, am Leben zu bleiben um euretwillen.
Was tut Paulus in dieser schwierigen Situation? Er schreibt es auf. Er kleidet seine Sehnsüchte in Worte. Das hat auch schon vielen Trauernden geholfen. Er behält es nicht für sich, sondern teilt es anderen Menschen mit, mit denen er eng verbunden ist. Das ist ein guter Weg bei der Verarbeitung von Leid und großem Seelenschmerz. Und schließlich betrachtet er seine Situation im Lichte seines Glaubens an Gott.
Paulus spürt: Auch wenn es schwer für mich ist: Christus ist um mich. Wenn ich leide, so ist mein Leiden eingebettet in das Leiden Christi. Wenn ich angegriffen werde, verspottet werde, wenn sie über mich lästern und mir Böses unterstellen, wenn mir Grenzen gesetzt werden, dann geschieht das nicht einfach mir. Sondern mit alledem bin ich Teil dessen, was Christus geschieht. Teil des Christusgeschehens, das die Welt durchzieht. Christus leidet. Christus liebt. Christus verzeiht. Christus steht von den Toten auf. Christus lebt.
Paulus atmet. Er lässt diese Erkenntnis durch sich hindurchströmen. Fühlt die Verbundenheit mit Christus, die ihm niemand nehmen kann. Fühlt sich frei im Gefängnis. Verbunden mit allen, die auch glauben.
Paulus vertraut: So wie es werden wird, wird es gut sein. Gott wird ihn dahin leiten, wo er ihn haben will und wo er ihn braucht – im Leben und im Sterben, und sei es ein Leben unter Schmerzen und in Traurigkeit, mit Verfolgung und Krankheit. Gott wird ihn halten. Und wenn für ihn die Zeit kommt, aus dieser Welt zu scheiden, so ist es ihm eine Lust und eine Seligkeit, bei Christus zu sein, an den er schon im Leben seine ganze Existenz gebunden hat. Christus ist sein Leben.

Der Mann, der um Frau und Kind trauert, bekommt Besuch. Ein Freund. Ihm kann er sich anvertrauen. Er hört ihm lange zu.
Schließlich sagt er: Du brauchst Zeit. Deine Gedanken sind ein Zeichen eurer großen Liebe zueinander, Zeichen dessen, wie groß der Verlust für dich ist.
Du sollst wissen: Deine Tränen sind nicht einfach deine Tränen, sondern verbunden mit den Tränen von Christus, einem Fluss, der durch die Zeit fließt. Deine Dunkelheit ist nicht einfach deine Dunkelheit, sondern umhüllt von der Dunkelheit, die Christus durchlebt, einer Dunkelheit, die voller Licht ist. Damals und heute. Dein Leben ist aufgehoben in Christus. Christus ist dein Leben.
Liebe Gemeinde, Gott wird uns durch die dunklen Tage führen, er ist an unserer Seite mit seiner großen Behutsamkeit und unendlichen Liebe, mit seinem Licht.
Amen.