Trinitatis (11. Juni 2017)

Autorin / Autor: Pfarrerin Dorothee Eisrich, Schorndorf [ Pfarramt.Schorndorf.Stadtkirche_West@elkw.de]

Jesaja 6, 1-13

Liebe Gemeinde,
über die Heiligkeit Gottes sollen wir heute nachdenken. Über eine Gottesschau, die Gott als Macht über allem thronen sieht und zugleich seine Heiligkeit in allen Landen entdeckt. Und über unseren Platz in dieser Welt, unser Gerufensein. Und das in einem Kontext von Verwüstung, von Blindheit, von Verstocktsein, das sich fast unaushaltbar lange hinzieht, und in einer eigenen merkwürdigen Sprachlosigkeit oder Unreinheit der Lippen.
Trinitatis nennt die Kirchentradition diesen Sonntag. Denn die Erkenntnis ist im christlichen Glauben gewachsen, dass es zu wenig ist, wenn man einfach von Gott spricht. Dreifaltig wirkt die Kraft, die wir Gott nennen. Eine Kraft, die Leben schafft. Eine Kraft, die erlöst. Eine Kraft, die inspiriert. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind die Begriffe dafür. Dreifältig und doch dreieinig. Ganze Bibliotheken haben Theologen gefüllt, um diese Gedanken und Erkenntnisse zu entfalten. Bringt man diese Erkenntnisse in Beziehung mit unserem Leben heute, mit heutiger Lebenserfahrung, dann müsste man so formulieren und so fragen: Was ist das für eine Kraft, die Leben schafft? Was ist es, was uns rettet? Und was ist es, was uns inspiriert?
Die Geschichte von Jesaja bekommen wir heute dazu, um diesen Fragen nachzugehen. Seine Gottesschau. Seine Berufung. Seinen Blick auf das Leben, wie es ist und wie es sein kann.

Gott schauenGott zu schauen ist ja keine alltägliche Sache. Auch nicht für einen Propheten wie Jesaja. Es sind besondere herausragende Augenblicke im Leben. Ich erinnere mich an den Moment nach einer Geburt, wenn ein Neugeborenes vor einem liegt und für einen Moment die Zeit still steht und man nichts als staunen kann über das Wunder und die Heiligkeit des Lebens. Es kann beim Hören einer Musik sein, die einen packt. Bei einem Naturerlebnis, das einen überwältigt.
Bei dem Propheten Jesaja war es eine Art mystische Erfahrung. Ein inneres Bild, das in ihm aufstieg und ihm plötzlich ganz klar vor Augen stand. Es gibt eine Kraft, die über uns thront. Es gibt ein größeres Ganzes. Eine Erfahrung von Transzendenz. Etwas, das sogar größer ist als der Tempel. Denn es ist in seinem Bild nur der Saum Gottes, der den Tempel berührt und ihn in seine Herrlichkeit mit einschließt. Zu seiner Gottesschau gehören Engel, die auf- und niedersteigen. Und es sind Worte zu hören: Heilig, heilig, heilig ist Gott! Alle Lande sind seiner Ehre voll! Ein transzendentes Gottesbild, das uns gleichzeitig wieder auf die Erde verweist. Es geht um eine Lebenskraft, der wir überall begegnen können. In allen Landen. In jedem Leben lacht sie uns an. Wo immer wir in Berührung kommen mit diesem Leben um uns herum, begegnen wir der Lebenskraft Gottes. Und wir ahnen, dass alles zusammengehört, miteinander verbunden ist. Dass wir zusammengehören, miteinander verwoben sind. Dass wir alle teilhaben, Teil sein dürfen an diesem Wunder Leben.

Spirituelle Wahrnehmung unseres LebensSamuel Kobia, der frühere Generalsekretär des Weltkirchenrats, ein kenianischer Bischof, hat einmal gesagt: Die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist die spirituelle Wahrnehmung als Basis unseres gemeinsamen Lebens. Ob wir lernen, das Leben nicht als unseren Besitz zu verstehen. Leben auf dieser Erde, das wir nach Belieben kaufen, verbrauchen, wegwerfen, verschmutzen, schänden können. Oder ob wir erkennen: Jeder Teil dieses Lebens ist heilig. Atmet eine Lebenskraft, die nicht von uns kommt. Wo wir sie ehren, ehren wir Gott. Und wo wir sie verletzen und missachten, verletzen und missachten wir Gott.
Es kommt bei Jesaja zu einer Art Selbsterkenntnis. Wer bin ich angesichts dieser Lebenskraft? Ein Mensch mit unreinen Lippen. Mitten unter Menschen mit unreinen Lippen. Unrein, das heißt: aus der Beziehung mit Gott, mit der Heiligkeit des Lebens herausgefallen. Eine Selbsterkenntnis, der wir uns an vielen Stellen vermutlich anschließen können. Wie unrein, unheilig leben wir. Denken wir. Arbeiten wir. Treiben wir Raubbau mit unseren eigenen Kräften. Opfern unser Leben der Leistungsgesellschaft „immer mehr, immer schneller, immer besser“. Funktionieren – und erholen uns am Wochenende, um ab Montag wieder funktionieren zu können.

Berührt werdenAber dann erlebt Jesaja in dieser Schau, wie etwas anders wird. Wie er anders wird. Ein Engel kommt. Berührt ihn. Bringt ihn wieder in Verbindung mit dem Feuer des Lebens. Und dies verwandelt ihn. Reinigt ihn. Die Schuld, die er mit sich herumträgt, wird er los.
Unser Mund, von dem so viel Unreines ausgeht, kann rein werden. Unsere Lippen, unser Leben kann wieder wahrhaftig werden, nicht länger verlogen. Einfach da sein und sich mitfreuen, wo sich jemand freut. Mitweinen, wo jemand weint. Frieden weitertragen. Ausstrahlen, was in uns ist.

Leben als GerufeneNicht entrückt von unserem Alltag endet diese Gottesschau des Jesaja – und alles bleibt in seinem normalen Leben, wie es vorher auch war. Nun hört er die Stimme Gottes selbst. Das Leben wie ein Ruf. Ein Gerufensein. Wen soll ich senden? Da ist eine Stimme, die uns ruft, die uns zum Leben lockt. Die auf uns wartet. Wir werden gebraucht. So viel steht ja an. So viel muss anders werden. Es geht um die ganz praktische, ganz konkrete Frage: Wen soll ich senden? Jesaja hört dies als Frage an ihn. Er erlebt, dass er angesprochen, gerufen ist. Seine Antwort heißt: Hier bin ich. Sende mich.
Wie nötig brauchen wir Menschen, die zu solchen Worten in der Lage sind. Hier bin ich. Sende mich. Die Einsamkeit der Menschen muss ein Ende haben. Hier bin ich. Sende mich. Das Auseinanderklaffen der Welt in Arme und Reiche kann nicht so bleiben, wie es ist. Hier bin ich. Sende mich.
Gottesglaube ist nicht nur Trost und Halt für schwere Stunden. Es ist eine Lebenshaltung, die unser Leben vertieft, uns offen macht, wahrnehmen lässt. Uns dazu führt, Verantwortung zu übernehmen. Auch wenn alles um uns herum noch lange verstrickt ist. Blind, taub.

Glaube an die Dreieinigkeit Gottes heuteTrinitatis. Die Frage, die hinter diesem Sonntag steht, ist die Frage nach unserem Gottesbild und nach unserem Leben. Was ist das für eine Kraft, die hinter allem Leben steht? Was ist es, was uns rettet aus der Trivialität unseres Lebens? Was motiviert uns, inspiriert uns, zieht uns in allen Alltagsmühlen wieder nach oben? Steckt uns mit Hoffnung an? Bringt uns zum Handeln?
Es ist eine Stimme, die uns zum Leben ruft. Es ist die Liebe zu allem Leben, die uns rettet. Es ist das Feuer des Gottesgeistes, der uns berührt.

So bitten wir:
Komm, Schöpfer Gott, ruf auch uns zum Leben.
Komm, Bruder Jesus, rette uns, ruf auch uns zu einem Leben in Liebe.
Komm, Heiliger Geist, nimm Wohnung auch in uns.
Amen.

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