Vorletzter Sonntag des Kirchenjahrs / Volkstrauertag (19. November 2023)

Autorin / Autor:
Pfarrer Dr. Jörg Bauer, Stuttgart [jo.bauer@klinikum-stuttgart.de]

Matthäus 25,31-46

IntentionIch wollte den grandiosen Text vom „Jüngsten Gericht“ möglichst verständlich auf die alltägliche christliche Praxis der Nächstenliebe herunterbrechen – und das Erstaunliche dieses Gerichts beschreiben. Erstaunlich, wer die Schlussbilanz der Welt aufstellt: Nicht die Mächtigen, sondern Christus, der Menschensohn.
Wie anstößig insbesondere das „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“ in unseren Tagen ist, ist offensichtlich.
Grundsätzlich: Was Christus als Richter „über alle Welt“ fordert bzw., welchen Maßstab er anlegt, ist verblüffend einfach – und doch schwer zu tun. Die einzige Hoffnung für „alle“ ist, dass die Barmherzigkeit des Menschensohnes über das Gericht triumphiert

PredigttextWenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.
Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.
Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.
Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Liebe Gemeinde,
einmal muss ja alles abgerechnet werden. Einmal wird abgerechnet, die Schlussrechnung, die Schlussbilanz der Welt vorgestellt, der Strich gezogen: Summa summarum…
Einmal kommt der Tag, wie immer wir uns den vorstellen wollen, da „alle Welt ihr Urteil nimmt“ (vgl. EG 184,4).
Verblüffend dabei ist: Die Schlussrechnung, die Schlussbilanz stellen dann nicht die Vorstandsvorsitzenden etwa von Daimler oder Siemens, nicht Christine Lagarde, nicht Olaf Scholz, Joe Biden, Wladimir Putin oder Xi Jinping, auch nicht die Chefökonomie der Weltbank oder des Internationalen Währungsfonds vor.
Es ist ein Mensch, einst am Rande der Welt zu Hause:
Jesus von Nazareth, König der Juden.
Jesus, der Menschensohn.
Er, wer hätte das gedacht: der Richter der ganzen Welt.
Er präsentiert die Schlussrechnung, die Schlussbilanz der ganzen Welt.

Das Kriterium der Schlussbilanz: MitmenschlichkeitDabei ist, auch der - durchaus verblüffend einfach: der Maßstab. Der Maßstab ist gar nicht, wer nun das große Welt-Monopoly gewonnen hat, wer nun endgültig Exportweltmeister geworden ist oder den größten Reichtum angehäuft, die größte Effizienz erworben, sich bestmöglich selbstoptimiert hat, welche Religion nun gesiegt hat – das alles zählt beim großen Weltgericht nicht,
das wird nicht aufgerufen und nicht gewürdigt.
Der Maßstab ist: die Mitmenschlichkeit, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, mit der sich die Menschen, die Christenmenschen – andere werden gar nicht erwähnt – begegnet sind. Was sie taten und was sie nicht taten.
Maßstab ist: Habt ihr Hungrige gespeist, Durstige getränkt, Fremde bei euch aufgenommen, Nackte gekleidet? Kranke und Gefangene besucht? Oder habt ihr das nicht getan? Das wird der Richter der ganzen Welt fragen.
Er wird nach der Menschheit menschenfreundlichen Taten aber auch nach ihren menschenverachtenden Un-Taten fragen. Siehe da! Wer hätte das gedacht auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten und Konfusionen unserer Tage, wo sich jeder selbst der Nächste ist.

Tun, was gerade notwendig istDie einen wird er loben: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Himmelreich. Die anderen verflucht er: Geht weg. Ich kenne euch nicht!
Dabei sind – wie merkwürdig – beide Gruppen Christen, Christinnen.
Beide sind mit Jesus von Nazareth per Du. Sagen zu ihm: Du, unser Herr!
Wie kann das sein? Spüren wir dem nach.
Die einen werden gelobt. Als Lazarus, der Bettler vor ihrer Tür lag, zerlumpt, haben sie sich seiner erbarmt, hat sein Schicksal ihr Herz berührt.
Und sie taten, was jetzt notwendig war: Gaben ihm zu essen und zu trinken.
Als da einer auf der Straße unter die Räuber gefallen war, zusammengeschlagen, halbtot, fackelten sie nicht lange, machten es so, wie der Barmherzige Samariter, desinfizierten seine Wunden und verbanden sie.
Und taten, was jetzt notwendig war.
Als da, zu Anfang September 2015, so viele Menschen, Flüchtlinge, an der ungarischen Grenze unter Umständen herumirrten, dass es Gott erbarm, öffneten sie, öffnete Angela Merkel die Grenzen, tat, was jetzt notwendig war, aus Mitmenschlichkeit, vielleicht auch aus dem Glauben heraus, der in der Liebe tätig wird.
O ja, das tut der Glaube. Selbstverständlich, gleichsam natürlich – oder es ist nicht der Glaube an Jesus Christus, der die Armen und Elenden selig gepriesen hat.

Wohl gemerkt: Diese Menschen schielten dabei nicht auf möglichen Gewinn, auf mögliches Lob an jenem Tag, da alle Welt ihr Urteil nimmt. Sie wussten, dass sie sich vor diesem hohen, höchsten Gericht Gewinn und Lob niemals verdienen konnten. Beides wird ihnen stets unverdient und ungeschuldet zuteil – das wussten sie…
Sie taten als Menschen, als ihrem Gott vertrauende Menschen, schlicht das Nötige, das, was ihnen ihr Herz, oder ihr Gewissen eingab.

Im Bedürftigen Christus begegnenUnd erhalten aber auch jetzt am endlichen Gerichtstag, großen Gewinn, großes Lob. Magna cum laude. Und was noch viel wichtiger ist: Sie erfahren, wer ihnen da begegnet ist, als sie Essen den Hungrigen, Trinken den Durstigen, ein Stück Heimat den Fremden, Kleidung den Nackten und Nähe den Kranken gaben:
Wahrlich ich sage euch: "Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan!"
Da ist das Erstaunen bei ihnen groß: Oh!

Und wer sich vor der Bedürftigkeit seines Mitmenschen verschlossen hat?
"Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan."
Da ist das Erstaunen auch bei diesen Leuten groß. Oh!
Bei ihnen, die nicht taten, was doch auch ihnen ihr Herz eingegeben und wozu sie ihr Gewissen doch auch gemahnt hat. Das sitzt. Das trifft sie bis ins Mark, die den Tadel einstecken und weggehen müssen: Geht weg. Weg von mir…

Das sitzt, das trifft auch uns, liebe Gemeinde. Unwillkürlich ducken wir uns weg.
Denn wer von uns könnte von sich, sozusagen schwarz-weiß von sich sagen, dass er immer menschenfreundlich gewesen wäre, immer das jetzt Nötige getan hätte, Lazarus verbunden, den Verletzten auf der Straße aufgehoben, den Fremden bei sich aufgenommen und den Kranken besucht? Wer?
Oft bin ich müde – und mag dann gar nicht mehr menschenfreundlich sein. Das muss ich Ihnen als Pfarrer und Seelsorger am Katharinenhospital in Stuttgart gestehen: Ich habe an manchen Tagen schon viele Patientinnen und Patienten besucht, und weiß doch, dass ich Frau X gestern einen Besuch versprochen hatte. Morgen ist ja auch noch ein Tag …
Viele glauben derzeit nicht oder nicht mehr, dass wir noch mehr Flüchtlinge aufnehmen können, weil wir ja nicht das Sozialamt der Welt sind und die Integration nicht mehr gewährleitstet werden kann. Das denke ich zuweilen auch, oder ich weiß es nicht, was ich da denken soll…

Aber, ja doch, das auch: manchmal taten wir doch auch ganz selbstverständlich, das, was jetzt notwendig war, was uns unser Herz eingab und unser Gewissen. Verschlossen uns nicht vor der inneren und äußeren Not des Menschenbruders und der Menschenschwester.
Machten unseren Glauben wahr und echt, den Glauben, der in der Liebe tätig wird. Aber immer und ständig – nicht. Wer kann das schon?
Jesu Rede vom Weltgericht mahnt uns, donnert, blitzt, erinnert, wem wir vertrauen, auf wen wir uns doch berufen: auf den menschenfreundlich-barmherzigen Gott.
Dieser Glaube fließt, läuft über – hin zu dem Mitmenschen, dem Hungrigen, Durstigen, dem Fremden und Nackten unserer Tage, lebensdienlich. Er kann nicht anders – oder er ist nicht Glaube, sondern hohles Geschwätz.

Gottes Barmherzigkeit triumphiert über das GerichtDoch zum Glück. Gott sei Dank: Der Weltenrichter kennt unser Herz und unser Gewissen.
Unser Herz kann erkalten, das Gewissen einschlafen – und schon ist diese oder jene Gelegenheit verpasst, bei der wir Christus im Nächsten hätten so nah sein können.
Was dann? Vergeigt? Alles? Und am Ende die Abrechnung. Mehr Soll als Haben?

Ich glaube, dass auch dann noch die Liebe und Barmherzigkeit des höchsten Richters das letzte Wort haben über unser Versagen. Über mein Versagen,
meine Lieblosigkeit und die der ganzen Welt.
Barmherzigkeit, seine Barmherzigkeit, aber triumphiert über das Gericht.
Amen.

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