Vorletzter Sonntag des Kirchenjahrs / Volkstrauertag (15. November 2015)

Autorin / Autor: Pfarrer Rainer Köpf, Weinstadt-Beutelsbach [pfarrer@rkoepf.de]

Matthäus 25, 31-46

Liebe Gemeinde,

nein, es fließen keine Flüchtlingsströme nach Deutschland: Es kommen Menschen zu uns! Wer an Ströme denkt, wird Mauern bauen wollen. Wer aber die einzelnen Lebensgeschichten hört, dem geht das Herz auf. Und mit jedem der beschriebenen Schicksale wird uns deutlich, wie ungerecht es auf der Welt zugeht. Wie gut es unverdientermaßen den einen und wie schlecht es unverschuldetermaßen anderen geht. Kann es da nicht trösten zu wissen, dass es einen Tag des Gerichtes geben wird? Einen Tag, an dem die Ungerechtigkeiten der Welt nicht mehr verdrängt, sondern aufgearbeitet werden. Einen Ort, an dem die Wahrheit auf den Tisch kommt und die Verlierer und Zukurzgekommenen aufgerichtet werden. Irgendwann wird zusammengezählt werden. Spätestens, wenn wir vor Christus stehen.

Vor Christus stehenAls Christen stehen wir ja auch schon heute vor Christus. Unser Gewissen ist der Platzhalter Gottes in unserem Leben. Im Glauben vollzieht sich unser Handeln schon heute in seiner Gegenwart. Und doch: Am Ende der Zeit wird es nochmals anders sein. Da werden wir offenbar vor Christus stehen. Wenn das Jüngste Gericht tagt, werden jede und jeder genau angeschaut werden. Es wird öffentlich werden, wie es um uns bestellt ist.

Jesus redet von der Scheidung der Böcke von den Schafen. Auch diese beiden Tiergattungen müssen genau angeschaut werden, um zu sehen, wer zu welcher gehört. Für die Hirten in Palästina war das etwas Alltägliches, besonders in der kalten Jahreszeit. Schafe und Ziegen haben den Tag über gemeinsam auf einer Weide gegrast. Am Abend wurden sie voneinander getrennt. Die kälteempfindlichen Ziegen kamen in den bergenden Stall, die dickfelligen Schafe konnte man getrost draußen übernachten lassen. Diese Scheidung der Tiere war in Israel üblich.

Jesus geht es noch um mehr. Er betont die unterschiedlichen Charaktere von Schafen und Böcken. Schafe sind Friedenstiere. Sie gehorchen der Stimme des Hirten und folgen ihr. Anders die oft aggressiven Ziegenböcke, die bockig und gewalttätig werden können. Beim Gericht Gottes wird offenbar werden, ob wir wie Schafe im Gehorsam oder wie Böcke im Widerstand zu Gott gelebt haben. Unser Tun wird Folgen haben. Das hat etwas zu tun damit, dass Gott uns ernst nimmt.

In der Schule merke ich: Wer immer nur mit Strafen droht und sie dann nicht einlöst, der verliert den Respekt. Kinder brauchen die Erfahrung, dass ihr Tun auch Folgen hat. Sie wollen ernst genommen werden. Da geht es um ihre Menschenwürde. Respektlosigkeit entsteht, wenn kein Strich mehr drunter gemacht wird, wenn das Verhalten der Schüler nicht ehrlich wahrgenommen, sondern nur billigend schöngeredet wird. Dahinter steckt nicht Liebe, sondern bequeme Gleichgültigkeit.

Gott schaut uns genau an, weil er uns ernst nimmt. Wir sind ihm nicht gleichgültig. Deswegen das Gericht. Eines Tages werden wir gefragt werden, was wir aus den anvertrauten Gaben gemacht haben. Gott ist kein pflichtvergessener Lehrer, der nichts mitbekommt von unserem Handeln. Er schaut uns genau an, wer wir sind. Weil er uns liebt.

Der Christus im anderenViele Völker erscheinen dann vor dem Richterstuhl Christi, und es werden Bücher aufgetan. Darin steht, was die Menschen in ihrem Leben Gutes oder Schlechtes getan haben. Es ist ein Gericht nach den Werken. Für die Angeklagten ist das zunächst überhaupt nicht überraschend. Wie denn auch? Dass unser Tun Folgen hat, erleben wir doch tagtäglich: Wer nur seinen Geiz pflegt, wird einsam werden. Wer alles Maß im Leben verliert, wird sich selber zerstören. Wer Unrecht sät, wird Hass ernten. Dass unser Tun Folgen hat und alles im Leben seinen Preis hat, ist eine Allerweltserfahrung.

Für die Angeklagten ist diese Erkenntnis nicht weiter erstaunlich. Überrascht werden sie vielmehr von etwas anderem: nämlich dass Christus den Schwachen und Hilfsbedürftigen nicht nur zur Seite steht, sondern dass er in ihnen gegenwärtig ist. Er gibt nicht nur Verordnungen für, sondern er verortet sich bei den Armen: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Das heißt: Ich kann nicht gleichzeitig Christus ansehen und meinen Nächsten dabei übersehen.

Da wird deutlich, was Jesus von uns haben möchte: nichts anderes als Menschlichkeit. Hier wird an keiner Stelle gesagt, dass es nur Christen sind, die im Endgericht versammelt sind. Es sind die Menschen aller Völker. Und die werden auf ihre Menschlichkeit hin angeschaut: Hast du dir dein Herz zerreißen lassen von der Not dieser Welt oder hast du nur gerechnet, wie viel muss ich tun, damit ich in den Himmel komme?
Wo werden wir stehen am Tag des Gerichts? Bei den Schafen oder den Böcken?

Christus für unsEs ist ja das letzte, abschließende Predigtwort Jesu im Matthäusevangelium. Trotz allen Ernstes, trotz der Schärfe und Härte dieses Gleichnisses steht da doch ein überraschendes Wort. Es leuchtet wie eine Insel der Gnade mitten im harten Meer des Gerichtes.

Schaut man den sprachlichen Aufbau des Gleichnisses an, fällt die strenge Parallelität auf. Auf der einen Seite die Schafe, die das Gute getan haben. Auf der anderen Seite die Böcke, die das Gute nicht getan haben. Alles ist konsequent parallel formuliert, doch am Ende die Überraschung. Der Richter durchbricht die Strenge, indem er sich den Angeklagten zuwendet und sagt: „Kommt her zu mir, ihr Gesegneten!“

Für einen orientalisch-unnahbaren Richter etwas völlig Untypisches. Er wendet sich den Angeklagten persönlich zu. Er zeigt sein Gesicht. Er nötigt sie aufzustehen und zu ihm zu kommen. Der Menschensohn durchbricht mit seiner Zuwendung und Nähe alles Gewohnte. Da geht seine ganze Liebe mit ihm durch, und die Menschen erkennen – völlig überraschend - sein eigentliches Wesen. Ist das nicht ein Trost für die Schwachen, für die, die an ihren Vorsätzen immer wieder scheitern? Ein Halt für die, die im Spiegel des Gesetzes ihre eigene Unzulänglichkeit erkennen?

Derjenige, der das Gerichtsurteil spricht, der Richter, ist ja auch der, der dieses Gerichtsurteil selbst getragen hat. Der, der die Sünde anschaut und sie erkennt und benennt, das ist doch derjenige, der für uns Sünder ans Kreuz gegangen ist. So hart und streng dieses Gleichnis auch scheint: Im zugewandten Angesicht Christi sehen wir eine einladende Gnade, die uns nicht heilsicher macht, aber uns Hoffnung schöpfen lässt, Hoffnung für die Welt.

Liebe Gemeinde, in dieser Zuwendung Christi wohnt so viel überschwängliche Kraft, dass auch wir uns dem Fremden zuwenden können. Wer mit dem Lieben beginnt, ist dann vielleicht überrascht, wie gut das tut. Das schenke uns Gottes Heiliger Geist. Amen.

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