3. Sonntag nach Trinitatis (12. Juni 2016)

Autorin / Autor: Studienleiter Pfarrer Alexander Köhrer, Stuttgart [Alexander.Koehrer@elk-wue.de]

1. Timotheus 1, 12-17

Liebe Gemeinde,
bevor wir den Predigttext hören, will ich uns allen eine Frage stellen. Bei dieser Frage blicken wir alle auf unser Leben zurück. Wir gehen also von der Gegenwart aus und schauen zurück. Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden könnt dabei auf 13 oder 14 Jahre zurückschauen. Ihr Kinder auf so viele Jahre, wie Ihr nun alt seid. Und wir anderen ebenso: Wir schauen auf all die Jahre zurück, so alt wie wir nun sind. Und jetzt kommt die Frage: Wenn Ihr, wenn Sie nun zurückschauen, gibt es etwas – ein Erlebnis, ein Ereignis, eine Begebenheit, das für Euer/Ihr Leben entscheidend war? – Ich will Ihnen zum Nachdenken nun etwas Zeit geben.
Etwas, was für mein Leben entscheidend war. Von so einem entscheidenden Erlebnis spricht Paulus heute in unserem Predigttext. Er schreibt von diesem Erlebnis in einem Brief. Der Adressat ist sein Schüler und Freund und Weggenosse mit Namen Timotheus. Wenn er jemand vertrauen kann, dann ihm. Wenn jemand ihn kennt, dann er, Timotheus. Was hat er mit ihm nicht schon alles erlebt? Nun schreibt aber Paulus gar nicht direkt von seinem zentralen Erlebnis. Aber Timotheus merkt sofort, schon ab dem ersten Wort, worüber Paulus redet.
Paulus schreibt in 1. Timotheus 1,12-17:
„Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben.
Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist.
Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.
Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.
Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.“

Welches ist das entscheidende Erlebnis von Paulus?Mit diesen Worten erzählt Paulus also heute von dem entscheidenden Erlebnis seines Lebens, ohne dieses mit einem Wort direkt zu nennen. Beim Hören spüren wir: Dieses Erlebnis muss groß gewesen sein. Deshalb sind seine Worte so schwungvoll wie ein Tanz. „Ich danke unserem Herrn Christus Jesus.“ Damit wissen wir, dass dieses zentrale Erlebnis mit Jesus Christus zu tun hat. Und dieses Ereignis muss so gewesen sein, dass er dafür dankbar ist. Also bis heute: „Ich danke unserem Herrn.“ Es ist nicht etwas, das mal war und jetzt keine Bedeutung mehr hätte. Nein, bis heute bedeutsam. Ich danke. Das ist auch bei uns so: Ein entscheidendes Ereignis unseres Lebens hat bis heute eine Bedeutung für uns.
„Ich danke unserem Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht hat.“ Das Erlebnis, das Paulus hatte, muss so gewesen sein, dass es ihm eine Kraft verliehen hat, die er vorher so noch nicht hatte. Kraft: Das ist etwas, was wir alle brauchen. Jeden Tag. Stärke, Kraft, Energie. Da diese Kraft von Christus kommt, ist es für Paulus eine Gotteskraft. Eine Kraft, die ihn dynamisiert hat. So steht es im Urtext: Dynamisiert.
Zugleich war für Paulus in diesem Ereignis das absolut starke Gefühl: Ich werde gebraucht. Hier wählt mich jemand aus. Ausgerechnet mich. Nicht zufällig und nicht beliebig. Nein, mich. Als ob jemand sagen würde: Ja, du bist der Richtige. Paulus merkt zusätzlich: Und das, was mir übertragen wird als Aufgabe, wird mir auch zugetraut. Das ist ein starkes Gefühl. Paulus sagt es so: „Christus Jesus, der mich für treu erachtet hat.“ Treue als Ausdruck dafür: Du machst die Aufgabe, dir wird sie zugetraut, und du wirst zugleich als verlässlich angesehen. Treue. Paulus spürt: So hält Jesus zu mir.
Jetzt wissen wir aber immer noch nicht, was das für ein Erlebnis war. Wir wissen als Nächstes nur, dass er in das Amt eingesetzt wurde. Aber mit diesem Wort ist klar, was er meint: Es geht um das Erlebnis, als er Christus begegnet ist und in sein Amt als Apostel eingesetzt wurde. Ausgerechnet er, „der früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war“. Jetzt ist es also klar: Es geht um das Erlebnis, das er hatte, als er in Damaskus war. Damals.
Paulus war in seiner jüdischen Gemeinde hoch angesehen. Er kannte sich in den Schriften aus, war fromm, in seiner Haltung klar und legte auf die Einhaltung aller Gebote großen Wert. Und wenn er etwas machte, dann machte er es richtig.

Das DamaskuserlebnisDann passiert es: Paulus reist, nachdem er länger in Jerusalem war, nach Syrien, er will nach Damaskus. Er hatte in Jerusalem gehört, dass dort einige Juden Christen geworden seien. Er hatte vorher noch nie etwas von Christen gehört. Er hört immer wieder: Jesus ist am Kreuz gestorben. Für uns. Dieser Jesus soll der Messias sein.
Paulus wird rot im Gesicht. Wie kann der Messias ein Gekreuzigter sein. Ein Gehängter. Ein Verbrecher. Wer am Kreuz stirbt, ist außerhalb des Gesetzes. Und der soll Messias sein? Die sagen auch, am dritten Tage sei er auferstanden. Das kann nicht sein. Diese Leute dürfen solche Unwahrheit auf keinen Fall weiter verbreiten.
Paulus nimmt die Sache in die Hand. Und wie immer: Wenn er etwas in die Hand nimmt, dann richtig. Sein Plan ist klar: Er lässt die Christen aufstöbern, lässt sie gefangen nehmen. Sie werden verurteilt, dann ausgepeitscht, angebunden an den Pfahl, 39 Schläge.
In Damaskus herrschte Angst. In Syrien. Erschreckend. Wie heute. Verblendet. Im religiösen Wahn. Und alles wird zerstört. So aktuell ist heute der Text. Der Wahn verbreitet Schrecken und Terror. Aber Paulus sieht es nicht. Die Verblendung ist die Gefahr jeder Religion.
Paulus: Ein junger, bärtiger Mann, vielleicht Mitte zwanzig. So nähert er sich der Stadt Damaskus. Er sieht mit seinen Begleitern, darunter Soldaten, die Oasenstadt, auf einer Ebene gelegen, umrahmt von hügeligem Land. Die Hauptstadt. Die Handelsstadt. Urplötzlich, mitten am Tag, so erzählt es nun Lukas in der Apostelgeschichte (Apg 9,3), geschieht dieses: „Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel.“ Das war´s. Dieses Licht. Ein unermessliches Licht. Für Paulus ist es im Nachhinein genau das Licht, wie es auch am Ostermorgen war. Das Licht des Auferstandenen. Lukas fährt fort: „und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: ich bin Jesus, den du verfolgst.“
Das hat alles verändert. Das hat das ganze Leben von Paulus verändert. Das ist das entscheidende Ereignis seines Lebens.
Bis heute nennt man dieses Ereignis „Damaskuserlebnis“. Ein plötzliches Geschehen, ein völliger Wandel in einem Leben, eine Kehrtwende, etwas, das alles verändert. Aus dem Verfolger wird ein Verbreiter. Aus dem Saulus wird ein Paulus, auch wenn das nicht stimmt, weil er ja von Geburt an beide Namen hatte.

Was zum Damaskuserlebnis alles gehörtDamaskuserlebnis. Für Paulus heißt das: Er hat Jesus gesehen. Er hat den Auferstandenen gesehen. Wie die beiden Jünger von Emmaus. Wie die Frauen am Ostermorgen. Wie die Jünger, die nach dem Tod sich versteckt hatten. Und er gehört nun auch zu ihnen: Auch er hat wie die Jünger Jesus gesehen und auch er hat den Auftrag der Verkündigung erhalten. So ist er Apostel geworden, so hat „Christus Jesus mich in das Amt eingesetzt“.
Zum Erlebnis von Damaskus gehört auch das besondere Erlebnis von Licht. Für Paulus ist dieses Licht entscheidend. Jedes Mal, wenn er Licht erlebt, wird das Damaskuserlebnis in ihm wach gerufen. Was für ein Juwel. Und immer, wenn Paulus von Licht redet, dürfen wir annehmen, dass er dabei stets an sein Lichterlebnis denkt, dass er dieses noch in sich spürt, also körperlich erlebt, körperlich nacherlebt, weshalb dieses Erlebnis stets gegenwärtig bleibt: „Ich danke unserem Herrn Christus Jesus.“ Das Erlebnis des Lichts ist das Erlebnis von Ostern. Jetzt verstehen wir auch die Worte: „Christus Jesus, der mich stark gemacht hat.“ Das Osterlicht ist für ihn absolut da.
An vielen Stellen seiner Briefe schreibt Paulus vom Licht. So z.B. im Brief an die Korinther: „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben“ (2. Kor 4,6). Dieser helle Schein ist Christus Jesus, der selbst den Tod überwunden hat. In dem Augenblick, in dem unser Glaube dieses sieht, sind wir in diesem Schein, sind wir in diesem Licht. Dann ist Ostern mitten im Alltag. Und später wird er an Timotheus wieder einen Brief schreiben, in dem das Licht erneut das Schlüsselwort ist:
„Christus Jesus, der dem Tod die Macht genommen (hat) und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium“ (2.Tim 1,10).

Wie Paulus sein Erlebnis noch deutetWenn Paulus an dieses Erlebnis zurückdenkt, wenn er sich selbst überlegt, wie er dieses Erlebnis deuten soll, dann wird ihm auch bewusst: Das Besondere dieser Geschichte ist ja, dass Gott mich wollte. Das ist für Paulus entscheidend: Nicht er selbst hat dieses Erlebnis in Gang gesetzt oder gemacht. Deshalb beginnt der Brief an Timotheus ganz bewusst so: „Paulus, ein Apostel Christi Jesu nach dem Befehl Gottes.“ Das war für ihn Damaskus: Christus hat mich gerufen, Gott wollte es so. Noch ehe ich geboren war, hatte Gott mich gerufen. Nur – ich wusste es nicht. „Ich habe es unwissend getan, im Unglauben. Aber Gott hat mich für treu erachtet. Mir ist Barmherzigkeit widerfahren.“ Barmherzigkeit heißt: Ich hatte mich verrannt. Ich habe es gar nicht bemerkt. Aber Gott hat es gedreht.
Daraus entwickeln sich für Paulus weitere Einsichten: Das, was mit mir passiert ist, ist ja völlig verrückt. Gott hat aus mir das Gegenteil gemacht. Gott ist „verrückt“. Um zu zeigen, dass er eine Sache zum Gegenteil wenden kann, hat er bewusst mich ausgewählt. Ich, der ich verfolgt habe, verkünde nun selbst das, was ich verfolgt habe. Gott erwählt das Gegenteil und macht es zum Gegenteil. Damit wird die ganze Geschichte noch größer. Gerade mit meiner Geschichte wird diese Größe sichtbar. So sagt es Paulus: „Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn.“ Mit meiner Geschichte will Gott dieses zeigen: „Dass Christus Jesus an mir als erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.“
Und so geschieht es auch. Dadurch, dass Gott aus ihm das Gegenteil macht, wird er zum Vorbild, also zu dem Bild, mit dem Paulus zeigen kann: Schaut her, so handelt Gott. Schaut her, an mir kann man wirklich zeigen, „dass Christus Jesus … alle Geduld erwiesen“ hat. Aber so bin ich nun zum Bild geworden, zum Vorzeigebild, mit dem auch dieses deutlich wird: Ich bin der Erste, an dem diese Geduld sichtbar wird. Gott wollte, dass ausgerechnet ich zum Glauben komme. Das sehe ich in meinem Leben, das sehe ich in meinem Erlebnis in Damaskus.
Gott wollte gerade an mir zeigen, was Glauben an Christus Jesus bedeutet. Ich habe ja erzählt, dass ich früher alle Gebote und Verbote eingehalten habe, bzw. einhalten wollte. Das geht nämlich gar nicht. Grundsätzlich gilt immer noch, dass die Gesetze richtig sind. Niemals werde ich sagen, dass die Gesetze abgeschafft werden sollen. Wir brauchen sie, sonst gelingt kein Zusammenleben. Die Gesetze stehen ja gerade dafür, dass Gott gelingendes Leben will. Früher habe ich gedacht, wenn ich nun alle halte, dann bin ich bei Gott. Aber das schaffe ich ja eben nicht. Das ist so, wie wenn Sie zu sich sagen: Ich bin dann in Ordnung, wenn ich alles richtig gemacht habe. Das werden Sie nie schaffen. Sie werden sich dabei auch kaputt machen. Unser Glaube bekennt: Er macht mich gerecht, nicht ich. So bin ich in Ordnung.
So fasst es Paulus für uns heute zusammen: „Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.“ Um das zu zeigen, hat Gott ihn erwählt „zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben“. – Da haben wir es wieder. Das ewige Leben. Das ist das Licht.

Über Damaskus hat Paulus mit Timotheus immer wieder gesprochenÜber genau diese Dinge hat Paulus mit Timotheus immer wieder geredet. Immer wieder, wenn sie Tage und Wochen zu Fuß unterwegs waren, wenn sie nicht mehr konnten, wenn sie nicht wussten, wie sie den nächsten Tag überstehen können, bei aller sengenden Hitze und bei allen Unwettern. Bei all den Gesprächen wird Timotheus immer wieder nach Damaskus gefragt haben. Das entscheidende Erlebnis seines Lebens.
Deshalb ist es auch wertvoll, wenn Ihr und Sie, liebe Gemeinde, das entscheidende Erlebnis Ihres/Eures Lebens versucht, immer wieder zu besprechen. Am besten mit anderen. Dieses Erlebnis zu deuten. Um seine Bedeutung bis heute zu erspüren. – Paulus sagt: Jeden Tag merke ich, wie mein entscheidendes Erlebnis von damals meine Gegenwart prägt. Deshalb sage ich. „Ich danke unserem Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht hat.“
An dieser Stelle fragt Timotheus: Kannst Du mir mal sagen, Paulus, warum Du eigentlich immer Christus Jesus sagst und nicht Jesus Christus? Paulus schmunzelt und sagt: Das hängt mit meinem Damaskuserlebnis zusammen. Mir ist ja der Auferstandene erschienen. Das ist Christus. Diesen Christus hätte es natürlich nicht gegeben, wenn es nicht Jesu gegeben hätte. Aber für mich begann alles mit diesem Christus, mit diesem Licht von Ostern. Das ist das Licht, mit dem ich alles sehe. Christus heißt ja Messias. Das ist mein Grundlicht.
Ich kann Dir nur sagen, wie dankbar ich bin, dass ich dieses Erlebnis damals hatte. Dass Gott ausgerechnet mich wollte. Jetzt weiß ich warum.
„Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.“

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