2. Sonntag nach Trinitatis (05. Juni 2016)

Autorin / Autor: Pfarrerin Claudia Kook, Nürtingen [claudia.kook@elkw.de]

Epheser 2, 17-22

Ein ehrenwertes Haus„In diesem Mietshaus wohnen wir seit einem Jahr und sind hier wohlbekannt. Doch stell dir vor, was ich soeben unter uns'rer Haustür fand: Es ist ein Brief von unsern Nachbarn, darin steht, wir müssen raus! Sie meinen du und ich wir passen nicht, IN DIESES EHRENWERTE HAUS.“
Als Udo Jürgens diesen Boogie im Jahr 1974 zum ersten Mal sang, wirbelte er damit heftige Emotionen auf. Denn was er besang, fand man damals wirklich noch ungehörig:
„Weil wir als Paar zusammen leben und noch immer ohne Trauschein sind, hat man sich gestern hier getroffen, und dann hat man abgestimmt. Und die Gemeinschaft aller Mieter schreibt uns nun: ‚Zieh'n Sie hier aus!‘ Denn eine wilde Ehe, das passt nicht IN DIESES EHRENWERTE HAUS.“
Und dann macht er auf die Doppelmoral aufmerksam:
„Es haben alle unterschrieben; schau' dir mal die lange Liste an: die Frau von nebenan, die ihre Lügen nie für sich behalten kann, und die vom Erdgeschoss, täglich spioniert sie jeden aus, auch dieser Kerl, der seine Tochter schlägt, SPRICHT FÜR DIES' EHRENWERTE HAUS.
Wenn du mich fragst, diese Heuchelei halt' ich nicht länger aus. Wir packen uns're sieben Sachen und zieh'n fort AUS DIESEM EHRENWERTEN HAUS.“
Weil sich die Empfindungen für Moral und Unmoral im Laufe der Jahre ändern und weil das, was damals die Gemüter erhitzt hat, heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlockt, hat Udo Jürgens im Jahr 2000 eine neue Textversion für dieses Lied herausgebracht. Was bleibt, ist die Tatsache: Immer gibt es unerwünschte Leute. Die einen werden rausgeekelt, und die anderen nehmen für sich das Hausrecht in Anspruch.

Um Hausgenossen geht es auch in unserem Predigttext (Epheser 2, 17-22):
„Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.
Denn durch ihn haben wir alle beide in "einem" Geist den Zugang zum Vater.
So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.
Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“

Liebe Gemeinde, „Gottes Hausgenossen“ – die sind alle „ehrenwert“! –
Die Gemeinde in Ephesus, der diese Zeilen gelten, hatte ganz ähnliche Probleme, wie sie Udo Jürgens in seinem Lied besungen hat: Es gab welche, die fühlten sich ehrenwerter als andere. Und es gab wiederum andere, die wurden rausgedrängt.
Die ersten christlichen Gemeinden waren sehr bunt gemischt. Die setzten sich aus sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und sozialen Schichten zusammen. Das war ja das Besondere. Das Neue: Dass im Christsein diese alten Grenzen überwunden waren. Dass es nicht mehr wichtig war, ob man vorher Jude oder Grieche gewesen war, Mann oder Frau, Sklave oder Freier. Eine ganz neue Freiheit in Jesus Christus.
Aber die ersten Christen waren keine Übermenschen, sondern eher so wie wir. Und trotz aller guten Vorsätze drohte sich ständig das Gewohnte und Althergebrachte wieder durchzusetzen. Hier im Epheserbrief lesen wir vor allem von Spannungen, die zwischen Juden und Griechen, also zwischen den ehemalig jüdischen und den ehemalig griechisch-heidnischen Gruppen entstanden waren. Jede Gruppe brachte ihre ganz eigene Kultur mit, verschiedene Gewohnheiten, eine andere Religiosität oder unterschiedliche Moralvorstellungen, also was als ehrenwert gilt und was nicht. Eigentlich dürfte das alles in der neuen christlichen Gemeinde keine Rolle mehr spielen. Denn „Wir sind alle einer in Christus Jesus“ sagt Paulus (Galater 3, 28) – aber wie gesagt: So einfach ist das nicht.
Deswegen lesen wir hier im Epheserbrief diese werbende Rede: Denkt daran: Es gibt niemanden, der näher oder ferner bei Gott ist. Es gibt niemanden, der mehr Hausrechte hätte als andere. Es gibt niemanden mehr, der noch fremd wäre. Ihr seid „nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“. Wir alle wohnen Tür an Tür mit Gott!

Tür an Tür mit GottTür an Tür mit Gott – Ich stelle mir folgende Szene vor:
„Habe ich’s Ihnen schon erzählt?“, sagt Frau Schmidt ganz aufgeregt, „In der Wohnung unter mir ist ein Neuer eingezogen.
„Und, wie ist er?“, fragt Frau Müller neugierig.
„Ich weiß nicht so recht. Irgendwie komisch. Das erste, was er gemacht hat, war, dass er das ganze Treppenhaus voll Blumentöpfe gestellt hat. Überall Blumen und Blätter. Man kommt kaum noch durch. Hoffentlich macht er die Kehrwoche ordentlich. Und er hört die ganze Zeit Musik.“
„Laut?“
„Nein, eigentlich nicht, es geht. Aber er singt immer selber mit.“
„Aha.“
„Man hört es im ganzen Treppenhaus. Er verschließt nämlich nie die Wohnungstüre. Die steht immer Sperrangelweit offen. So dass man jederzeit reingehen könnte.“
„Ach“, staunt Frau Müller, und wird ganz aufgeregt: „Und? Ich meine, also, das tut man natürlich nicht, aber… haben Sie schon mal reingeschaut?“
„Natürlich nicht!“ Frau Schmidt ist ganz entrüstet. „Naja, man sieht natürlich den Flur. Ganz bunt. Viele Postkarten. Muss wohl schon weit rumgekommen sein. Ich wollte gestern klingeln, aber da hörte ich, dass grade Besuch da ist.“
„Etwa Frauenbesuch?“
„Keine Ahnung. Es waren viele Leute. Die hatten wohl was zu feiern. Aber, das sag ich Ihnen, das müssen Ausländer gewesen sein!“
„Wieso, haben sie jemanden gesehen?“
„Nein, aber gehört.“
„Aber er kann doch deutsch, oder?“
„Ja, wenn er singt, schon.“
„Ist er jung?“
„Das weiß ich nicht. Habe ihn doch noch nicht gesehen. Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht mal, ob es ein Mann ist. Vielleicht ist es auch eine Frau.“
„Wie heißt er denn, der neue Mieter, oder die neue Mieterin?“
„Ähm, wie war der Name noch mal, so ein ganz kurzer. Klingt so ähnlich wie ‚Gott‘.“
„‚Gott‘ ist bei Ihnen eingezogen?“ ruft Frau Müller geradezu, „na dann bin ich ja gespannt, was noch alles passieren wird in Ihrem Haus.“

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter unsLiebe Gemeinde, wenn Gott bei uns einzieht, wenn wir Gottes Hausgenossen werden, verändert sich so einiges. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ heißt es im Johannesevangelium. Es sind Worte, die eigentlich in die Weihnachtszeit hineingehören: Gott wohnte unter uns. In Jesus Christus wurde Gott zu einem Mitbewohner unserer Welt, ein Mitbürger unserer Stadt, unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Ein Hausgenosse in unserem Haus. Wohnt in der Wohnung nebenan, in dem Zimmer neben mir. Das verändert. Es verändert nach und nach alle Hausbewohner. Und es verändert unsere Einstellung zu den anderen Hausbewohnern.
Im dünnwandigen Mietshaus

Was bekommt man nicht alles mit in einem dünnwandigen Mietshaus. Oft viel mehr als man möchte. Und dazu fällt mir ein, was eine Studienkollegin von mir erlebt hatte in ihrem Auslandsjahr in Amsterdam:
Während dem einen Jahr, das sie in Amsterdam studierte, wohnte sie in einem solchen Haus, in dem die Wände aus Papier zu bestehen schienen. So durfte sie stets regen Anteil am Leben der anderen Mieter nehmen. Und beinahe jedes Mal, wenn wir wieder voneinander hörten, hatte sie eine neue Episode zu erzählen. Wie in einer nicht enden wollenden Fortsetzungsgeschichte. Vor allem von dem jungen Paar, das unter ihr wohnte und das regelmäßig recht laut stritt. Da ging es wirklich heftig zu. Ich fand das immer sehr erschreckend, was sie da erzählte. Es ist ja eines, das zu wissen, dass häusliche Gewalt noch immer viel zu häufig vorkommt. Aber es dann sozusagen live mitzuerleben, als Ohrenzeugin, ist erschütternd. Und was macht man da? Die deutsche Studentin, selber Ausländerin in Amsterdam, selber ein junges Mädchen mit Respekt und Angst vor dem muskelbepackten jähzornigen Mann? Und hatte sie überhaupt richtig gehört? Oder übertrieb ihre Phantasie?
Sie war dann immerhin so mutig gewesen, dass sie sich mal mit der jungen Frau unterhalten hat. Sie hat ihr gesagt hat, dass das nicht richtig ist, was da geschieht, dass sie sich wehren müsse gegen den Mann usw. Die junge Frau allerdings konnte mit dem allen nicht viel anfangen. Leider.
Ich weiß nicht mehr, wie es ausgegangen ist. Oder ob es überhaupt ausgegangen ist. Wahrscheinlich war dann irgendwann das Studienjahr vorbei, und sie ist wieder zurückgekommen. Aber wer weiß, vielleicht haben die Worte doch irgendwann noch Wirkung gezeigt. Man kann es hoffen.

Die Mit-HausgenossenWie auch immer: Wenn man das ernst nimmt, dass wir Gottes Hausgenossen sind, dann kümmern wir uns um unsere Mit-Hausgenossen in unserer Nachbarschaft, in unserem Stadtteil, in unserem Land. In unserer Welt, die wir mit so vielen Hausgenossen gemeinsam bewohnen.
„Denn ihr seid nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“
Amen.

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