6. Sonntag nach Trinitatis (03. Juli 2016)

Autorin / Autor:
Pfarrer Friedmar Probst, Alfdorf [friedmar.probst@elkw.de ]

Römer 6, 3-11

Liebe Gemeinde,
heute, am 6. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest, steht die Taufe im Mittelpunkt. Der Wochenspruch, das Wochenlied und die Lesungen: Alles führt zur Taufe hin und in vielen Gemeinden wird heute auch getauft oder Tauferinnerung gehalten.

Kindertaufe: ein Fest des LebensKindertaufe: eine junge Familie hat sich in der Kirche versammelt. Eltern, die Patinnen und Paten und die Angehörigen sind froh und gespannt. Das Kind, das getauft werden soll, liegt auf einem Taufkissen oder schläft in seiner Babyschale. Die Gemeinde singt ein Tauflied.
Alle, denen ein Kind anvertraut ist, hoffen für dieses Kind das Beste. Es soll vor Gefahren behütet werden, sich gesund entwickeln an Leib und Seele, und es soll seinen Platz im Leben finden. Die Eltern, die Patinnen und Paten möchten, dass das Kind Segen erfährt und zum Segen wird.
Deshalb bringen sie es zur Taufe. Gott sagt „Ja“ zu dir. Das Wasser gehört dazu, die Taufkerze und das Familienfoto. Die Taufe am Anfang des Lebens. Geh deinen Weg zuversichtlich, und Gott möge dich behüten.
Taufe als Fest des Lebens, als Bitte um Schutz und Bewahrung. Alle verstehen diesen Wunsch. So wird die Taufe in vielen Gottesdiensten gefeiert, auch bei uns. Ausdruck dieses Wunsches ist die Bitte vieler Eltern um den Taufspruch aus Psalm 91,11 „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“

Taufe hat mit Leben und Tod zu tunPaulus schlägt andere Töne bei seinen Gedanken zur Taufe an.
Wir hören nichts von Bewahrung, nichts von Engeln und nichts von Schutz. Dafür hören wir etwas von Sterben und Tod, von der Auferstehung und vom neuen Leben. Was bitte, hat das mit der Taufe zu tun?
Die Taufe hat mit Leben und Tod zu tun. Das wird am Wasser der Taufe deutlich. Wasser ist beides, ein Element des Lebens und ein Element des Todes. Ohne Wasser ist gar kein Leben möglich. Aber im Wasser kann Leben auch versinken und ertrinken.

Wisst ihr nicht…?Ich verbinde mit dem Briefabschnitt aus Römer 6 ein Erlebnis. Ich möchte erzählen, wie mich einmal dieser Text aus dem Römerbrief ganz unmittelbar angesprochen hat.
Im Jagsttal, unterhalb des Städtchens Langenburg, liegt der Weiler Unterregenbach. Unter dem Pfarrhaus ist eine Krypta aus ottonischer Zeit. Ursprünglich war sie Teil einer großen Basilika. Die gibt es aber schon lange nicht mehr.
In eben dieser Krypta habe ich vor vielen Jahren einen Osternachtgottesdienst mitgefeiert. Die Osternacht ist der Ort der Tauferinnerung. In der Zeit der Alten Kirche wurde bevorzugt in der Osternacht getauft.
Ich stieg also die steilen Treppenstufen zur Krypta von Unterregenbach hinab. Es war dunkel. Nur einige wenige Kerzen spendeten Licht. Der dunkle Kellerraum nahm mich auf. „Jona im Bauch des Walfischs“, dachte ich.
Ein kleiner Chor kam ebenfalls die Treppen herabgestiegen, dazu das Osterlicht. Wir hörten die gesungenen Worte: „Christus ist auferstanden, er bezwang den Tod durch seinen Tod und schenkte den Entschlafenen das Leben.“
Im Verlauf des Gottesdienstes las der Liturg die Worte aus Römer 6: „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“
Diese eindrückliche Lesung habe ich nicht vergessen. Sie bedurfte keiner Auslegung. Mir war deutlich: ich befinde mich selber in einer Grabeshöhle. Mein Leben ist begrenzt. Einmal kommt es an sein Ende. Ich sterbe immer wieder, etwas in mir stirbt, und manches muss ich begraben.
Aber ich darf immer wieder auch neu leben, darf mit Christus auferstehen und einmal wird die ganz große Auferstehung kommen.
Am Ende des Gottesdienstes stieg die österliche Gemeinde wieder die steile Treppe aus der Krypta hoch, wie aus der Nacht des Todes in ein neues Leben hinein.
Ich begann zu verstehen: Taufe, auf Christus getauft sein, das heißt: Ich bin mit Christus verbunden! Immer wieder aufs Neue. Ich muss mich daran erinnern lassen: „Wisst ihr nicht?“ Ich lebe in einer Lebensgemeinschaft mit ihm. Ich habe Anteil an seinem Tod. Und ich gewinne Anteil an seinem neuen Leben.

Die Taufe begründet einen Herrschaftswechsel und das neue Leben in ChristusWenn Paulus vom Menschen spricht, so spricht er vom Menschen, der unter die Mächte versklavt ist: unter die Unheilsmächte Sünde und Tod. Seine Botschaft ist: Als Getaufte seid ihr in Jesus Christus diesen Mächten „gestorben“. Ihr seid befreit von diesen Mächten.
Es hat sich ein Herrschaftswechsel ergeben: Ihr könnt in Jesus Christus ein neues Leben führen. Wer getauft ist, der ist frei geworden von Sünde und Tod.
Nun mag jemand einwenden: Ich bin doch ein freier Mensch, was soll das Reden von „Mächten“, denen ich versklavt bin?
Die „Mächte“ erfahre ich heute als die Gier nach immer mehr, als die Gier, die unserem Wirtschaftssystem innewohnt und keine Zeit mehr frei lässt, keine Plätze mehr frei lässt. Dass Freizeit zu Arbeitszeit wird.
Und immer lautet das Argument: Wenn ich das Geschäft nicht mache, dann macht es ein anderer.
In der Stadt Schorndorf im Remstal gibt es – wie in vielen Städten und Gemeinden – mehrmals jährlich einen verkaufsoffenen Sonntag.
Beim letzten derartigen Ereignis schaltete am Samstag zuvor ein Kaufhaus in der örtlichen Zeitung eine Anzeige. Sinngemäß war zu lesen: „Werte Kundschaft! Wir sind in jeder Woche 59 Stunden für Sie da und erfüllen gerne Ihre Wünsche. Wir finden es aber auch wichtig, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Tag der Erholung und für ihre Familien haben. Deshalb beteiligen wir uns nicht an dem verkaufsoffenen Sonntag. Am Montag bedienen wir Sie gerne wieder.“
Das neue Leben in Christus ist für die Inhaberfamilie nicht nur ein blasser Gedanke. Sie beugt sich nicht dem allgemeinen „Man muss“. In unternehmerischer Freiheit und in einem Gewissen, das an Christus gebunden ist, hat sie ihre Entscheidung getroffen.
„So auch ihr, haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus.“
Das geht also: Beim allgemeinen Trend nach „immer mehr“ sich ausklinken. Zu sagen: Das ist für mich gestorben. Zu buchstabieren: Wie kann das neue Leben in Christus aussehen?

Das Leben von Christen ist nicht einfacher als das Leben von jedem anderen Menschen. Auch im Leben von Christen gibt es – bei aller Sehnsucht nach Bewahrung – Umwege und Brüche.
Als Getaufte können wir die Brüche und Umwege unseres Lebens anschauen und sie Gott hinhalten. Wir brauchen nichts zu beschönigen. Aber wir brauchen auch nicht zu verzweifeln. Denn es gilt: „Sind wir mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“
Amen.

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