4. Sonntag nach Trinitatis (28. Juni 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrer Dr. Ulrich Dreesman, Oberboihingen [Ulrich.Dreesman@elkw.de]

Römer 12, 17-21

IntentionWie gelingt das Leben auch in Situationen der Anfechtung und Feindschaft? Paulus gibt lebenskluge Hinweise für ein Verhalten, das den Teufelskreis der Feindschaft unterbricht und der Veränderung eine Chance gibt.

PredigtWie geht das: ein gelingendes Leben, ein Leben, das glückt? Und das nicht nur in den Momenten, in denen alles rund läuft, sondern auch dann, wenn die Luft dünn wird? Nicht nur in den Phasen, in denen wir mit der Welt im Reinen sind, sondern in jenen, in denen wir an unsere Grenzen kommen? Was tun zum Beispiel, wenn uns ein anderer Mensch nervt und reizt und ärgert, wenn er oder sie uns böse und feind ist? Hören wir, was der Apostel Paulus schreibt – im Brief an die Römer, Kapitel zwölf:

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.  Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.  Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32, 35): ‚Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.‘  Vielmehr, ‚wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln‘ (Sprüche 25, 21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ 

Paulus ist Realist. Er schreibt nicht an Menschen, die stets auf der Sonnenseite des Lebens unterwegs sind. Er schreibt an eine Gemeinde mitten in einer komplizierten Welt mit Spannungen, Verletzungen, Rivalitäten und auch mit Feindschaft.
Paulus nennt die Dinge beim Namen: Böses. Rache. Feindschaft. Das sind theologische Begriffe und zugleich Alltagserfahrungen. Wer wollte behaupten, er kenne das alles nicht? Wer wollte sagen: Zorn, Wut, Rachegedanken? Fehlanzeige, nie gehabt. Wenn das so wäre, dann könnten wir diesen Predigttext beiseitelegen. Dann könnten wir ihn genauso überblättern wie Jesu Worte von der Feindesliebe.
Ich glaube: Die meisten von uns wissen genau, wovon Paulus spricht. Jede und jeder kennt Menschen, deren Namen nur genannt werden müssen, damit sich innerlich etwas zusammenzieht. Jeder und jeder erinnert sich an Situationen, die ihn oder sie noch Jahre später umtreiben. Dazu gehören kleine innere Monologe, die so oder ähnlich enden: Dem oder der würde ich gern mal eins auswischen und richtig eins reinwürgen.
Paulus weiß das. Und er sagt nicht: Reiß dich zusammen. Er sagt auch nicht: Tu so, als wäre nichts gewesen. Er sagt schon gar nicht: Das ist doch alles gar nicht so schlimm. Nein, er schreibt: Lass dich nicht vom Bösen überwinden.
Das Böse will nämlich genau das: Uns überwinden. Es will uns überwinden, um uns dann zu beherrschen. Das Böse will Raum gewinnen – draußen, in der äußeren Welt, und drinnen, in der inneren Welt, in uns selbst. Und oft gelingt dem Bösen das ziemlich gut.
Ein Mensch, der uns verletzt hat, sitzt plötzlich unsichtbar mit am Küchentisch. Ein Konflikt, der längst Geschichte ist, meldet sich nachts im Traum um halb drei zurück. Ein Name wird beiläufig genannt, und schon beschleunigt sich der Puls.
Ein Feind muss gar nicht anwesend zu sein. Er wohnt längst in der eigenen Seele. Und das ist das eigentlich Zermürbende an Feindschaft: Sie bindet Energie. Sie kostet Kraft. Sie raubt die Leichtigkeit und hält uns fest.
Paulus’ Vorschlag ist radikal und zugleich lebensklug. Er meint: Unterbrich den Kreislauf. Verlass das Hamsterrad des Bösen. Überlass die Rache Gott. Und vergelte niemandem Böses mit Bösem. Warum nicht? Weil Vergeltung zwar kurzfristig Genugtuung verschafft, aber langfristig alles beim Alten lässt. Sie verlängert den Konflikt und löst ihn nicht auf.
„Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Paulus weiß: Frieden hängt nicht nur von uns ab. Aber er sagt: Prüfe ehrlich, was an dir liegt. Manchmal ist das mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Und dann wird’s praktisch: „Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken.“ Paulus zitiert hier die uralte Weisheit des Volkes Israels.
Stellen wir uns die Szene vor. Ein Feind – hungrig, durstig. Er rechnet mit Abweisung. Er erwartet Ignoranz und Schadenfreude. Und dann Essen, Trinken, Zuwendung, Freundlichkeit. Das ist irritierend. Das bringt das innere Drehbuch durcheinander. Das öffnet einen Spalt für Veränderung.
Die Weisheit Israels spricht von feurigen Kohlen. Sie meint kein Racheinstrument, sondern ein Signal fürs Innehalten. Der Feind ist baff. Er merkt: Hier geschieht etwas Unerwartetes. Die Alten nannten ein solches Verhalten Weisheit. Die Psychologie heute redet von der paradoxen Intervention.
Ob sich durch eine paradoxe Intervention etwas verändert? Das kann sein, muss aber nicht. Aber eines ändert sich bestimmt: Ich mich selbst. Ich bin plötzlich ein anderer, als es mein Gegenüber erwartet. Ich unterbreche die Logik der Feindschaft und leiste einen Beitrag dazu, dass die Geschichte anders weitergeht als erwartet. Das ist kein Zeichen von Schwäche, im Gegenteil. Es erfordert Mut, nicht zurückzuschlagen. Es braucht innere Stärke, um freundlich zu bleiben, wenn alles in mir nach Gegenwehr ruft.

Mit meinen Schülerinnen und Schülern in Klasse 10 habe ich über den Vorschlag des Apostels diskutiert. Sie waren skeptisch. Nein, das könne nicht gutgehen. Das macht alles nur schlimmer, sagten sie. Dann hält man dich für schwach.
Im Fortgang der Stunde haben wir uns mit Alltagssituationen beschäftigt, in denen man dem Rat des Paulus folgen könnte. Die Schülerinnen und Schüler, alle um die sechzehn Jahre alt, dachten vor allem an Streit mit Eltern und Geschwistern.
Ich habe sie gebeten, sich Alternativen für den Konfliktfall zu überlegen. Wie wäre es, den nervigen Bruder nicht aus dem Zimmer zu werfen, sondern ihm einen Platz anzubieten? Was geschähe, wenn man der schimpfenden Mutter sagte, dass man sie liebhat? Und schließlich als Hausaufgabe: Die Schülerinnen und Schüler sollten paradoxes Verhalten einmal selbst ausprobieren und das Ergebnis protokollieren. Als wir uns in der kommenden Woche wiedergesehen haben, hatten es fast alle zumindest versucht. Und es zeigte sich: Es funktionierte, zwar nicht immer, aber manchmal eben doch.

Dazu eine wahre Geschichte, die ein Pfarrer der Oldenburgischen Landeskirche erlebt und aufgeschrieben hat:
„Sonntagmorgens fünf Uhr auf dem Bahnhofvorplatz. Zugegeben: Keine gute Idee, sich um diese Zeit hier auf einer der Bänke niederzulassen. Aber ich hatte eine Stunde Aufenthalt und keine Wahl. Und setzte mich also. Niemand war um diese frühe Zeit unterwegs. Doch dann kamen sie: Sechs junge Kerle, darunter wahre Muskelpakete. Sie sahen mich und kamen auf mich zu. Offenbar waren sie auf Streit aus. Und tatsächlich: Einer packte mich unversehens bei den Schultern; ein zweiter versuchte unter dem Gejohle der anderen, mir die Schuhe auszuziehen. Was sollte ich tun? Mich wehren? Zwecklos. Eine Diskussion beginnen? Lächerlich. Mir die Schuhe einfach nehmen lassen? Auch unangenehm.
Da kam mir ein ziemlich verrückter Gedanke. Ich lächelte den, der an meinem Schuh zog, an und sagte: Gott segne dich. Der stutzte: Was haste gesagt? Ich gab mir Mühe, weiterzulächeln und sagte: Gott segne dich; und er behüte dich davor, heute einem anderen Böses zu tun. Er ließ meinen Fuß los und sagte zu seinen Kollegen: Ey, der hat mich gesegnet!
Jetzt wurden die anderen aufmerksam. Haste das wirklich gemacht? Ja, klar. Möchtest du auch gesegnet werden? Unsicher schauten sie sich an. Einer trat von hinten hervor und sagte: Ja, ich möchte. Ihm habe ich die Hände zum Segen aufgelegt. Offenbar gefiel das auch den anderen. Denn am Ende waren es sechs junge Männer, die gesegnet und fröhlich davon gingen. Und meine Schuhe habe ich behalten.“
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Dazu helfe uns Gott. Amen.

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