2. Sonntag nach Trinitatis (09. Juni 2013)

Autor/in: Kirchenrat Dr. Ernst Michael Dörrfuß, Bad Urach [ErnstMichael.Doerrfuss@pastoralkolleg-wue.de]

Jesaja 55, 1 -5

Gott lädt ein

So kann die Bibel uns Gott vorstellen, liebe Gemeinde. Als einen, der großzügig Gutes anbietet, der freigiebig einlädt, Leben in Fülle verschenkt.
Wer immer Durst hat, ist eingeladen zu trinken. Wer Hunger hat, wird zu essen bekommen. Und es steht nicht nur bereit, was zum Überleben nötig ist. Wein und Milch werden angeboten, ein Festmahl ist zu haben.

Der eine Gott der Bibel, der die Welt geschaffen hat, der ins Leben gerufen hat, was auf dieser Erde kreucht und fleucht, dieser unser Gott, steht ein für seine Geschöpfe. Er tut es weitherzig, schenkt das Notwendige und das Schöne, das Selbstverständliche und das Besondere, das, was Menschen brauchen und das, was Menschen sich von Herzen wünschen.

Gott lädt ein. Seine Einladung setzt er den vielen Erfahrungen entgegen, die viel zu oft ein Menschenleben prägen: Was eine sich vorgenommen hat, gelingt nicht. Ein Ziel, das sich einer gesetzt hat, bleibt unerreichbar. – Ganz konkret setzt Gott seine Einladung den Erlebnissen vieler entgegen, die sauer verdientes und erarbeitetes Geld für etwas ausgeben, was sich als wertlos erweist.

Ganz unglaublich klingen solche Bibelworte in den Ohren: „Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.“

Gott lädt ein. Und wer sich von ihm einladen lässt, muss nicht fürchten, dass später einmal die Rechnung präsentiert wird.

„Einmal wird uns gewiß die Rechnung präsentiert“, dichtet Lothar Zenetti. Sein Gedicht ist in unserem Gesangbuch nachzulesen – dort findet es sich auf der Seite 941:

Einmal wird uns gewiss die Rechnung präsentiert für den Sonnenschein und das Rauschen der Blätter, die sanften Maiglöckchen und die dunklen Tannen, für den Schnee und den Wind, den Vogelflug und das Gras und die Schmetterlinge, für die Luft, die wir geatmet haben, und den Blick auf die Sterne und für alle die Tage, die Abende und Nächte.
Einmal wird es Zeit, dass wir aufbrechen und bezahlen; bitte die Rechnung. Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht: Ich habe euch eingeladen, sagt der und lacht, so weit die Erde reicht: Es war mir ein Vergnügen.
Wer sich von Gott einladen lässt, der und die muss nicht fürchten, dass später einmal die Rechnung präsentiert wird. Muss es solange nicht tun, solange er und sie bereit ist, dem lebendigen, dem großzügigen, freigiebigen und einladenden Gott zuzuhören, bereit, ihm sich anzuvertrauen.

Hoffnungsbilder gegen Mangelerfahrung

Aber, so höre ich fragen, stimmt das denn?
Meiner Lebenserfahrung entsprechen diese Worte Gotte jedenfalls nicht. „Umsonst“ ist nichts wirklich zu bekommen. Wein und Milch, die gibt es weder hier noch anderswo auf dieser Welt gratis.
Haben die Menschen, die die Worte unseres Predigttextes zuallererst gehört haben, denn „umsonst“ getrunken oder „gratis“ gegessen? Gab es für sie „umsonst“ Wein und Milch? Haben sie denn tatsächlich Gutes gegessen, sich an Köstlichem gelabt, das Ende aller Not erlebt?
Im Gegenteil!

Die ersten Hörerinnen und Hörer der Worte unseres Predigttextes lebten mitten in einer das ganz Land Israel überziehenden Dürreperiode.
Sie lebten in einer Zeit, in der zwar viel gesät, aber wenig geerntet wurde. Wer zu essen hatte, wurde doch nicht satt. Man trank, ohne den Durst wirklich löschen zu können, zog sich Kleider an und fror trotzdem. Eine Zeit war das, in der Menschen ihr sauer verdientes Geld in einem löchrigen Beutel aufbewahren mussten. Nachlesen lässt sich diese nüchterne Zeitbeschreibung beim Propheten Haggai (vgl. Haggai 1,6).

Hunger und Durst, Kälte und vergebliche Mühen. Als durch und durch realistisches Buch verschweigt die Bibel solch elende Wirklichkeit nicht. Sie geht über jammervolle Zustände nicht einfach hinweg – und genauso wenig findet sie sich mit ihnen einfach ab.

Hoffnungsbilder stellt die Bibel der elenden Wirklichkeit entgegen. Hoffnungsbilder, in denen Menschen sich bergen können inmitten jammervoller Zustände. Hoffnungsbilder, die der Verlockung entgegenstehen, sich einfach mit der Gegenwart abzufinden. Hoffnungsbilder, die hier und heute Zukunft eröffnen, Kräfte freisetzen.

„Höret, so werdet ihr leben!“

Als Hörende bekommen die ersten Hörerinnen und Hörer unseres Predigttextes das Hoffnungsbild vom „umsonst-satt-Werden“ geschenkt. Als Hörende bekommen sie Zukunft geschenkt.

„Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben.“
Was einst dem König David zugesagt wurde, im, 7. Kapitel des 2. Samuelbuches ist es nachzulesen. Was Gott einst dem König David versprochen hat: einen Ort, um in Ruhe zu leben, frei von Angst und Ängsten. Was einst dem König David zugesagt wurde, das wird jetzt gegenüber dem ganzen Volk Israel bestätigt. Es wird nicht mehr nur einem allein, sondern es wird allen zugesagt.

Bis auf den heutigen Tag hat dieses Geschenk, hat das Versprechen Gottes Kräfte freigesetzt.
Es hat jüdische Männer, Frauen und Kinder zu Zeugen für die Macht und Herrlichkeit Gottes werden lassen. Zeugen einer Herrlichkeit, die Menschen nur zu oft mit Dreck besudelt und mit Blut beschmiert haben.

Und nun bekommen wir das „Hört doch!“ des Propheten zu hören.
Das „Hört doch auf mich!“ des lebendigen Gottes, der sich durch seinem Sohn, Jesus Christus, auch mit uns unlösbar und untrennbar verbunden hat.
Der uns seine Gegenwart verspricht, seine Gegenwart zusagt. Der „gratis“ und „umsonst“ seinen Beistand zusagt, seine Begleitung.

„Hört, so werdet ihr leben!“

Ein uns allen gratis und umsonst geschenktes Hoffnungsbild wird uns hier vor Augen gestellt, ins Herz geschrieben. Ein Hoffnungsbild, das aller Wirklichkeit zum Trotz Kräfte freisetzt.
Ein Hoffnungsbild, das uns als Hörerinnen und Hörer zu Zeuginnen und Zeugen von Gottes Macht und Herrlichkeit macht – in unserem Alltag, hier und heute, in der Welt, in der wir leben.

In dieser Welt, in der immer noch und immer mehr Menschen an ganz realem Hunger und ganz realen Durst leiden, da bekommen wir die Kraft, mit Worten und mit Taten zu bezeugen, dass solcher Hunger und solcher Durst Gottes Willen zuwiderläuft.

In dieser Welt, die unter von Menschen an Menschen verübter Ungerechtigkeit stöhnt, einer Welt, in der immer noch und immer mehr Menschen ihr gutes Recht vorenthalten wird, da bekommen wir die Kraft, mit Worten und Taten zu bezeugen, dass jede Art von Unrecht und Rechtlosigkeit Gottes Herrlichkeit beleidigt.

In dieser Welt, die uns in einer Spirale des Immer-mehr-um-jeden-Preis gefangen halten will, da bekommen wir die Kraft, mit Worten und mit Taten zu bezeugen, dass solches Gefangensein Gottes Plänen mit seinen Geschöpfen nicht entspricht.

„Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!
Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.“

Der Gott, der zum Wasser einlädt, bei dem es Wein und Milch und Brot gratis gibt, umsonst, der gebe uns ein offenes Ohr und erleuchtete Augen des Herzens (vgl. Eph 1,18). Auf dass wir Zeuginnen und Zeugen der Hoffnung werden, die in uns ist.
Amen.

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