Rogate (06. Mai 2018)

Autorin / Autor: Pfarrerin Martina Servatius, Schwanewede [Martina.Servatius@elkw.de]

Kolosser 4, 2-6

Liebe Schwestern und Brüder!

In Erich Kästners „Das doppelte Lottchen“ gibt es gegen Ende des Films folgende Szene: Die Eltern der Zwillinge lebten getrennt. Der raffinierte Plan der Mädchen hat sie wieder zusammengebracht. Im Gespräch überlegen die Eltern, ob sie dem Wunsch der Kinder folgen und zusammenbleiben können. Die Zwillinge warten während des Gesprächs vor dem Zimmer. Da sagt eine zur anderen: „Wenn wir jetzt doch beten könnten!“ Aber es fällt ihnen kein Gebet mehr ein, außer dem einen: „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast!“ (nach Fulbert Steffensky, Der alltägliche Charme des Glaubens, S. 58)

Es gibt Situationen, die brauchen das Gebet. Es gibt Momente, da möchtest du nur noch beten. Ob du an Gott glaubst oder nicht. Du spürst: Nichts anderes ist dieser Situation gewachsen. Keine andere Lebensäußerung passt. „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast.“ Wie gut, wenn wir dann noch solche Reste haben. Solche Reste von der großen Sprache, die ausgreift weit über menschliche Möglichkeiten, weit über alle Wahrscheinlichkeiten und Erklärbarkeiten hinaus. Sprache, die mehr verlangt, als die Gegenwart bietet. „Komm, Herr Jesus…“ Und wenn es nur Reste sind, und wenn es nur ein Stammeln ist, es gibt Momente, die brauchen das Gebet.
Und wenn du keine Sprache hast in einem solchen Moment? Dann ist dein Seufzen Gebet oder der Jubel deines Herzens, dein Lachen oder dein Weinen, dein Atem, dein Herzschlag: „Komm, Herr Jesus!“

„Seid beharrlich im Gebet“, fordert uns das heutige Bibelwort auf. Beharrlich sein, das meint ja: üben; über lange Zeit durchhalten; auch, wenn es schwer fällt; auch, wenn dir nicht danach ist; auch, wenn du keinen „Erfolg“ deiner Mühe siehst; auch, wenn dir der Sinn bisweilen zweifelhaft erscheint. „Seid beharrlich.“ Vielleicht ist es auch deshalb wichtig, damit wir die große Sprache nicht verlernen. Jene Sprache, die den Horizont öffnet… Vielleicht ist das Beharrlichsein im Gebet auch deshalb wichtig, weil – wenn man mit dem Herzen hinschaut – diese ganze Welt in jedem Augenblick so ein Moment ist, der das Gebet braucht.

Ich finde, das wirft noch mal ein neues Licht auch auf unsere gottesdienstlichen Fürbittgebete. Manche empfinden es ja als langatmig oder öde, wenn regelmäßig für die Armen, die Einsamen, die Kranken, die Sterbenden und die Trauernden gebetet wird. Aber sind das nicht alles Situationen, über denen man wirklich den Himmel aufreißen möchte und rufen: „Komm, Herr Jesus!“?

Erfahrungen mit dem BetenLiebe Schwestern und Brüder, als ich – angeregt durch das Thema des Sonntags und das Wort aus dem Kolosserbrief – über das Beten nachdachte, da ist mir so viel eingefallen, dass ich es echt schwierig finde, auszuwählen. Man kann ja die verrücktesten Erfahrungen machen im Gebet und mit dem Gebet. Manchmal denke ich, wir sollten einander mehr davon erzählen. Aber natürlich sind das sehr persönliche Erfahrungen. Da schämt man sich vielleicht auch, sie zu erzählen.

Die 15-jährige Marie Eberhardt aus Kassel antwortet auf die Frage nach dem Gebet: „Ich erzähle Gott, was ich erlebe. Ich wende mich an ihn und bete, aber erhalte keine Antwort. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass es dadurch leichter wird. Aber es gibt einfach jemanden, dem ich alles erzählen kann, und das fühlt sich gut für mich an“ (Dirk von Nayhauss, Ich glaube, S. 28).

Alles erzählen können. Wirklich alles. Rückhaltlos. Ungeschminkt. Ungeschützt. Das ist im Grunde ungeheuerlich. Dass es jemanden gibt, vor dem ich so sprechen darf; so sein darf. Es gibt keinen Menschen, der so vorbehaltlos für mich da ist. Es gibt keine Person, die fortwährend ein offenes Ohr hat für mich. Es gibt niemanden, mit dem ich so vertraut reden kann, wie mit Gott. Gott sei Dank! Schon beim Gedanken daran, spüren wir, was für eine Wohltat das ist.

Schwierige Erfahrungen mit dem BetenAber es gibt auch schwierige Gebetserfahrungen. Manche Menschen sind schon auf kränkende Weise „zurechtgebetet“ worden von anderen. Und neben der beglückenden Erfahrung, eine Gebetsbitte (prompt) erfüllt zu bekommen, steht die andere, die harte, die Erfahrung, dass Erfüllung ausbleibt. Die Erfahrung, dass Gott unzugänglich schweigt. Mir fällt da – neben vielem anderen – jener ältere Kollege ein, der eines Abends im Kollegenkreis resigniert eingestand, er habe jetzt zehn Jahre um eine Erweckung in seiner Gemeinde gebetet, aber es habe sich nichts getan.

Möglicherweise stehen auch solche Erfahrungen im Hintergrund unserer biblischen Ermahnung „Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung!“ Vielleicht war die Gemeinde müde geworden. Warum soll man beten, wenn sich doch nichts ändert? Gott muss doch hören! Gott muss doch antworten! – Muss er das wirklich?

Nebenbei bemerkt: Ich spreche nicht gern von „Gebetserhörung“, sondern lieber von „Gebetserfüllung“, wenn Gott eine Bitte erfüllt. Denn ich glaube, dass jedes Gebet erhört wird. Auch das stumme Gebet. Auch das unerfüllte Gebet. Gott hört. Aber wie Gott reagiert, bleibt sein Geheimnis. Es entzieht sich dem Zugriff unseres Wünschens.

Die Bibel mutet uns zu, in der Spannung auszuhalten. Der eine Pol ist das kindliche Vertrauen, dass Gott gewiss unsere Bitten erfüllt. So wie Jesus es im Johannesevangelium zusagt: „Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei“ (Joh 16,24b). – Der andere Pol ist Jesu Gebetsringen im Garten Gethsemane: „Abba, mein Vater, (…) nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern, was du willst!“ (Mk 14,36). Schließlich gar sein Schrei am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34). Gott mutet uns zu, mit Jesus diese Spannung auszuhalten. Um Gottes Willen lasst uns keine dieser Seiten aufgeben! Damit unser kindliches Vertrauen nicht abhebt in Hochmut, und unsere Ergebung nicht abstürzt in Resignation. Dass wir in der Tiefe gehalten bleiben und in der Höhe geerdet. Darum: „Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung!“

Wach betenWachen im Gebet. Achtgeben. Auf unser Beten. Und auf einander im Gebet; auf die Brüder und Schwestern achtgeben; über sie wachen in aufmerksamer Fürsorge und Fürbitte.

Und: Wachen im Gebet „mit Danksagung“. Das meint doch wohl: wachen Sinnes wahrnehmen, was alles Grund zum Danken ist. Was Gottes Güte alles um uns her ausstreut und auftürmt an Gutem, Schönem, Rettendem, Lustigem, Lieblichem, Entzückendem, Beglückendem. Wachsam sein für das, was Gott erfüllt hat an Bitten, und weit über unser Bitten hinaus.

Es liegt ein Geheimnis im Gebet. Das ist dieser Überschuss. Nenn es den offenen Himmel. Nenn es Wunder. Nenn es Berührtwerden von Gott, Kraftübertragung Wandlung deines Inneren, Einswerden oder wie auch immer. Es ist ein geheimnisvolles „Mehr“. Du kannst das Gebet erklären. Du kannst seinen Nutzen darstellen, seine psychologische oder gesellschaftliche oder identitätsstiftende Funktion. Aber das alles fasst es nicht. Da bleibt ein Überschuss. Unerklärlich; weil der, zu dem wir beten, unerklärlich ist.

„Man kann nicht über das Gebet sprechen, ohne von Gott zu sprechen, zu dem wir beten“, schreibt der Hamburger Religionspädagoge Fulbert Steffensky. Und dann umschreibt er das Wesen Gottes und das Geheimnis des Gebets mit Hilfe eines Gedichts der chilenischen Dichterin Gabriela Mistral. „Es ist ein Liebesgedicht“, sagt er, „und eines der schönsten Gebete, die ich kenne“ (Fulbert Steffensky, Charme, S. 14). Es beginnt so:

„Wenn du mich anblickst,
werd‘ ich schön,
schön wie das Riedgras unterm Tau.“

Er wählt ein Liebesgedicht, um das Beten zu erklären. Weil er meint, dass das Gebet der stärkste Ausdruck der Liebesbeziehung zwischen Gott und Mensch und Mensch und Gott ist.

„Wenn du mich anblickst,
werd‘ ich schön,
schön wie das Riedgras unterm Tau.“

Das geschieht im Gebet. Gott sei Dank!

Amen.
Literatur: Fulbert Steffensky, Der alltägliche Charme des Glaubens, Echter Verlag, Würzburg, 3. Auflage 2003. Darin die Aufsätze „Gebet: Die Flucht in den Blick der Güte“ und „ Brot für die Fremden“.

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